Aufgabe I
Fasse Material 1 in sechs Thesen zusammen!
Beschreibe Material 2 und arbeite heraus, inwieweit das dort erkennbare Gottesbild an biblisch-christliche Denkfiguren anschlussfähig ist!
„Den Anwälten bleibt nicht viel Spielraum […,] wenn sie auf ‚nicht schuldig‘ plädieren“ (Material 2, Seite 1, Bild 2).
Erläutere ausgehend vom in deinem Kurs zu Beginn des Leistungsfachs gewählten Längsschnittthema Umgangsweisen mit bzw. Antwortversuche auf die Theodizeefrage aus Bibel, Theologie und Philosophie!
Interpretiere die Materialien 1 und 2 vor dem Hintergrund deiner Ausführungen zu 3.1!
Material 1 nimmt mehrfach auf den Atheismus Bezug. Stelle zwei religionskritische Positionen dar und setze dich mit diesen unter Einbezug der Materialien 1 und 2 aus christlicher Sicht auseinander!
Skizziere christliche Rede von Sünde und untersuche, inwiefern sich die Szenen im Comic (Material 2) als Illustration dieser Denkfigur deuten lassen!
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Wie das Leid ertragen?
Der folgende Beitrag ist wenige Wochen nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und zwei Jahre nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie im April 2022 verfasst worden.
Quelle: Kathrin Oxen, Wie das Leid ertragen? Krieg, Krankheit und Tod lassen uns am Sinn des Lebens zweifeln. Über die Suche nach Halt, auf: Zeit Online am 6. April 2022, (Stand vom 17.01.2023); für Prüfungszwecke bearbeitet
Material 2: Gott höchstselbst
Der französische Comicautor Marc-Antoine Mathieu widmet sich immer wieder Themen, in denen er philosophische Diskurse aufgreift und diese mit Gesellschaftskritik verknüpft. „Gott höchstselbst“ ist im Original 2009 erschienen und im Jahr 2010 ins Deutsche übertragen worden.
Ganz unvermittelt taucht bei einer Volkszählung ein Mensch auf, der sich als Gott vorstellt. Nach anfänglichen Zweifeln scheint sich zu bestätigen, dass es sich wirklich um Gott handelt, und er wird zum Medienhype. Als dieser Hype schon bald in Hass umschlägt, wird Gott aufgrund seiner Verantwortung für die Welt und ihren Zustand vor Gericht gestellt …
Auf den folgenden drei Seiten findest du Auszüge aus dem Prozess abgedruckt, der sich im Buch über viele Seiten erstreckt und teilweise durch Zwischenhandlungen unterbrochen ist. Dabei wird die zu Beginn gestellte Frage nach Gottes Existenz später erneut zum Thema (vgl. S. 2, Bild 2 ff.). Es kommen in den Ausschnitten neben den Reportern und Gott verschiedene Richter zu Wort.
Quelle: Marc-Antoine Mathieu: Gott höchstselbst. Übersetzt von Kai Wilksen, Handlettering von Andreas Michalke, Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2012, S. 42, 45 f., 90 f.
Seite 1
Seite 2
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Bedrückende aktuelle Ereignisse stellen in neuer Weise die altbekannte Frage nach dem Zusammenhang von Gottesvorstellungen und Leid bzw. nach der Theodizee, die zur Infragestellung von Gottes Existenz führen kann.
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Die Radikalität dieser Frage und die Unangemessenheit typischer Reaktionen Außenstehender auf sie kann an der biblischen Figur Hiobs nachvollzogen werden.
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Die problematischsten solcher Reaktionen bestehen entweder darin, Leidenden selbst Schuld am eigenen Zustand zuzuweisen oder ihnen gegenüber über einen tieferen Sinn des Leids zu spekulieren.
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Das Leid macht alle Vorstellungen davon, dass es so etwas wie ein Abkommen mit Gott oder einer allgemeinen Gerechtigkeit gäbe, die einen davor bewahren würden, zunichte.
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Angesichts dieser radikalen Fraglichkeit zeigt sich, dass ein Festhalten am Gottesglauben trotz aller Verzweiflung und Sinnlosigkeit die wesentlich größere Herausforderung darstellt als die Verneinung Gottes.
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Für eine solche hoffende oder auch trotzig-kämpferische Haltung gegenüber Gott, die die Würde der eigenen Person im Leid bewahrt, findet man in der Kreuzigung Jesu und v. a. im Hiobbuch biblische Vorbilder.
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Annäherung an den Prozess aus der darstellerischen Distanz (Totale, S. 1, Bild 1) sowie über Außenfiguren (Reporter), die die zu verhandelnden philosophischen Grundfragen skizzieren (S. 1, Bild 1-3).
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Der Prozess selbst wird als Kontrastgeschehen aus der Perspektive des Gerichts (Aufsicht von Über-der-Schulter) mit Blickrichtung auf den in großer Entfernung sitzenden Angeklagten (Gott) in Szene gesetzt:
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Gott sitzt allein auf der Anklagebank, die Zuschauer befinden sich in seinem Rücken (S. 2, Bild 1 und 2, S. 3, Bild 1 und 6).
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Daneben gibt es verschiedene Panels, die sich – ebenfalls aus der Aufsicht – Gott annähern, wobei verschiedene Darstellungsgrößen vorliegen: von Portrait / Halbnah (vgl. z. B. S. 2, Bild 3) bis Detail (S. 3, Bild 4).
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Gott selbst ist (im Sinne des Klischees) als Mann mit (ggf. weißem) Rauschebart erahnbar, allerdings nie klar zu erkennen:
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Im ersten Bild wird er zwar ganz in Weiß hervorgehoben, aber aus großer Distanz und nur von hinten gezeigt.
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Auf allen anderen Bildern befindet er sich auf der Anklagebank in einem Sicherheitskasten aus „Panzerglas“ (S. 3, Bild 4), was sein Äußeres stark weichzeichnet bzw. leicht verpixelt.
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Die Darstellung Gottes ist teilweise an biblisch-christliche Denkfiguren anschlussfähig, weicht aber auch von diesen ab. Hierbei können z. B. folgende Aspekte zur Sprache kommen:
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Das Bemühen von M 2, Gott nicht klar konturiert darzustellen, hat gewisse Analogien zum Bilderverbot des Dekalogs.
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Gott wird vom Gericht mit biblisch-christlichen Hoheitstitel („Herr der Heerscharen“, „Himmelskönig“, „der Allmächtige“, „der Ewige“) angesprochen (S. 2, Bild 1) sowie mit einer eher philosophischen Gottesbezeichnung als „höchstes Wesen“ (ebd.). Letztere kann aber durchaus auch in theologischen Zusammenhängen in Gebrauch genommen werden. Die Bezeichnung „der Allmächtige“ verweist direkt auf das Apostolische Glaubensbekenntnis.
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Gott wird als Schöpfer der Welt bezeichnet (vgl. ebd. oder S. 2, Bild 4 und z. B. Gen 1-3). Somit ist er auch Ursprung der Welt (S. 2, Bild 3).
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M 2 präsentiert eine Form der Menschwerdung Gottes (siehe auch Vorbemerkung zum Text), die allerdings nicht trinitarisch ist, da Gott als alter Mann auftritt und Liebe zudem nicht den Beweggrund seines Handels zu kennzeichnen scheint.
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Gott tritt in M 2 vor allem abstrakt philosophierend und wenig empathisch auf (vgl. S. 2, Bild 1-4 und S. 3, Bild 1-6), was nichts zu tun hat mit einer Vorstellung eines liebenden Vaters im Sinne von z. B. Lk 15.
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Als exemplarisches Längsschnittthema kann z. B. der Transhumanismus behandelt worden sein. Bei dieser philosophischen Denkrichtung geht es um Versuche, die Grenzen menschlicher Fähigkeiten und Möglichkeiten mithilfe von Technologie zu verbessern bzw. zu erweitern. Dies kann emotionale, geistige wie körperliche Bereiche und/oder die Person als Ganzes betreffen. Besonders markant zeigen sich transhumanistische Anliegen an Vorhaben, menschliches Bewusstsein mithilfe von Gehirn-Computer-Schnittstellen aufzubewahren bzw. auf Roboter zu übertragen (sog. Mind-upload) oder Menschen mithilfe von Kryonik-Verfahren gleichsam zwischenzulagern, um in der Zukunft weiter leben zu können. Es gibt zudem Visionen z. B. mithilfe von pharmakologischen Mitteln oder gentechnischen bzw. prothetischen Eingriffen, bessere Menschen bzw. eine bessere Gesellschaft zu gestalten.
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Solche Verfahren lassen sich insofern auf das Thema Theodizee beziehen, als sie versuchen, menschliches Leid durch Forschung und Erfindung in ganz grundsätzlicher Weise so zu verringern, dass sich im hypothetischen Fall eines guten ewigen Lebens die Theodizeefrage (bzw. sogar die Frage nach Gott überhaupt) nicht mehr stellen würde und somit zumindest in Hinblick auf Gesundheitsaspekte überflüssig wäre. Auch das Böse in der Welt ließe sich bei erfolgreicher Umsetzung der skizzierten Vision verringern.
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Theodizee bezeichnet allgemein die Frage, wie die Existenz eines allmächtigen, gerechten und liebenden Gottes angesichts des Bösen und des Leidens auf der Welt gerechtfertigt werden kann.
Biblische, theologische und andere philosophische Antwortversuche und Umgangsweisen gehen gegenüber transhumanistischen Bestrebungen in eine ganz andere Richtung. Es könnten z. B. angeführt werden:
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Im biblischen Buch Hiob wird die Theodizee-Frage als Frage nach dem maßlosen Leiden eines gerechten, gottesfürchtigen Menschen zugespitzt. Es weist dabei mehrere Ansätze zu einem möglichen Umgang mit ihr auf, löst diese deshalb nicht auf, sondern hält sie offen.
Die Himmelsszene mit der Wette zwischen Gott und Satan charakterisiert das Leid als Test für den Glauben der Menschen, sowohl Gutes als auch Schlechtes von Gott anzunehmen. Hieraus ergibt sich allerdings ein zynisches Gottesbild und ein Widerspruch zum Gott der Binnenhandlung und kann somit als gescheiterter Versuch angesehen werden, Gott durch das Hinzufügen eines Gegenspielers zu entlasten.
Im Antwortversuch im Schlussteil hat Gott dem Bösen einen Raum in der Schöpfung zugestanden, auch wenn er letztlich der allem Überlegene ist, dessen Gerechtigkeit auf seinem freien Willen und seiner Weitsicht beruhen, die vom Menschen nicht verstanden und nicht durch sein Handeln oder Verstehen beeinflusst, sondern nur im Glauben angenommen werden können. Das individuelle Leid Hiobs und dessen Fragen und Klagen sind damit aber nicht beantwortet.
Die Passagen des Hauptteils mit Hiobs Klage und der Reaktion der Freunde mit Verweis auf den Tun-Ergehens-Zusammenhang fragen an, ob es möglicherweise nicht angemessen ist, von Gottes Liebe angesichts des vorhandenen Leids zu sprechen, zumal Gott die Freunde zurechtweist und Hiobs Sicht bestätigt, dass er nichts Falsches getan habe. Hier lässt sich die Sprachform der Klage – analog zu Jesu letzten Worten (Ps 22,2) am Kreuz – als (paradoxe) Möglichkeit erkennen, die eigene Gottesverlorenheit vor Gott zu bringen.
Ähnliches gilt in verschärfter Form für Hiobs Versuch, Gott zur Anklage gegen Gott zu Hilfe zu rufen (Hi 31). Dies impliziert – gegen den Anschein seiner gegenwärtigen Existenz – ein fundamentales Vertrauen auf Gottes Beistand und Größe.
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Nach M. Luthers theologischer Position offenbart sich Gott in seinem Sohn als gütig und gerecht („deus revelatus“), dennoch bleibt er aus menschlicher Sicht unfassbar und verborgen („deus absconditus“), wenn er Unrecht und Leid zulässt. Wie Luther überzeugt ist, dass Jesus wider den Anschein nicht gottverlassen gestorben ist, sondern Gott in seiner größten Not gegenwärtig war, darf der Mensch hier darauf hoffen, dass sich seine Güte und Gerechtigkeit erweisen wird.
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Die philosophische Position von G. W. Leibniz: Mit dem Begriff des „Übels“ (malum) lassen sich im Allgemeinen alle Formen der Zerstörung oder Beeinträchtigung der Lebensgrundlagen bezeichnen. So gibt es Formen des Übels, die als „malum morale“ auf menschliche Freiheitsentscheide zurückzuführen sind. Das „malum physicum“ bezeichnet natürliche Übel, wie z. B. Naturkatastrophen oder Krankheiten. Das „malum metaphysicum“ wiederum ergibt sich aus der Endlichkeit der Welt, die notwendig unvollkommen sein muss, da es sonst mit Gott identisch wäre. Somit kann die Welt als von Gott geschaffen nur die beste aller möglichen Welten sein. Trotz der Existenz des Leides und des Übels kann der Mensch damit eine rationale Grundstruktur erkennen und die Welt als beste aller denkbaren Welten würdigen. Eine Rechtfertigung Gottes ist nach dieser Argumentation allerdings nur dann möglich, wenn Gott nicht als personaler Begleiter, sondern als Schöpfer gedacht wird, der nach dem Schöpfungsakt nicht mehr in das Weltgeschehen eingreift. Leid wird hier in einem größeren Zusammenhang gestellt, in dem das Böse letztlich nützlich und sinnvoll ist.
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Für diese Positionen stellt das Leid und Böse in der Welt somit eine Herausforderung für die Gottesvorstellung dar, während transhumanistische Visionen Leid und Böses durch die Überwindung menschlicher Beschränkungen hin zu einem trans- oder posthumanen Wesen beseitigen wollen, das durch menschliche Technologie ermöglicht werden soll.
M 1 stellt die Theodizeefrage selbst (M1, Z. 8-11) und nimmt deutlich auf biblisch-christliche Vorstellungen sowie auf die Position Leibniz´ Bezug – nutzt diese also als zentrale Referenzen:
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Die „gewisse theologische Sprachlosigkeit“ (M1, Z. 10) verweist dabei auf die mit ihr verbundenen theologischen Herausforderungen und die gescheiterten Versuche, diese im Angesicht von konkretem Leid intellektuell zu lösen.
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Entsprechend spielt K. Oxen auf das Scheitern der Freunde Hiobs (M1, Z. 15 f.) sowie des Tun-Ergehens-Zusammenhangs allgemein (vgl. M1, Z. 24-27) an und kennzeichnet demgegenüber Hiobs verzweifelte Versuche, eine Vereinbarkeit mit seinem Gottesglauben herzustellen als „Steilküste“ (M1, Z. 17) und somit als bleibende und riskante Herausforderung. Dass die Verfasserin eine solche Position für die angemessenste hält, ergibt sich auch aus der späteren Darstellung (vgl. z. B. M1, Z. 37-44).
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Eine Position wie die von Leibniz wird demgegenüber abgelehnt, da sie lediglich auf einen höheren, bis jetzt nicht verstandenen Sinn verweist und somit eine Vertröstung darstellt (vgl. M1, Z. 27 f.).
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Ebenfalls abgelehnt werden Vorstellungen, man könne mit Gott „Verträge machen“ (M1, Z. 30); damit spielt sie wohl auf Hi 31,35 an (bzw. auf die bekannte Graphic Novel von Will Eisner).
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Aus ihren Gedankengängen zieht die Verfasserin den Schluss, dass eine „Bewältigung dieser großen Lebensfrage“ (M1, Z. 40) nach dem Vorbild Hiobs wesentlich anspruchsvoller ist, als sich auf eine atheistische Ablehnung Gottes zurückzuziehen (vgl. M1, Z. 39-43).
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Sie plädiert für ein Offenhalten dieser Frage im Sinne der Umgangsweisen der christlichen Traditionen, die nach dem Vorbild Hiobs in Hi 31 und Jesu am Kreuz (vgl. M1, Z. 50 f.) bei „aller Ohnmacht und Verzweiflung“ (M1, Z. 56) daran festhalten, dass es Gott als Gegenüber gibt, die Auseinandersetzung mit ihm suchen und so auch die eigene Würde bewahren (vgl. M1, 55-57).
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Anders als in dieser existenziellen Perspektive verhandelt M 2 in den Auszügen die Theodizeefrage v. a. als theoretisches, philosophisches Problem, worauf auch das Text-Zitat verweist, das der Aufgabe vorangestellt ist. Im Comic erfolgt der Zugang nicht, indem konkrete Leiderfahrungen in Szene gesetzt werden, sondern der Prozess als gigantisches Medienereignis geschildert wird. Gleichwohl verweist der Rahmen eines Prozesses gegen Gott durchaus auf das Hiobbuch, ohne dies eigens zu thematisieren:
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Inhaltlich spitzt sich die Theodizeefrage in M 2 auf die Frage nach Gottes Existenz zu (vgl. S. 1, Bild 2 f.): Wenn Gott existiert, ist er für das Leid verantwortlich. Entsprechend muss die Verteidigung versuchen, seine Rolle herunterzuspielen, bis ggf. hin zur (dann paradoxen) Leugnung seiner Existenz. Somit bezieht sich M 2 vor allem auf den Gedanken von Gottes Allmacht, während der Aspekt der Liebe keine Bedeutung hat, obwohl er zentral wäre.
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Dies eröffnet umso leichter philosophische Gedankenspiele und humoristische Verfremdungen, wie sie sich mehrfach auf den anderen Panels finden. Dabei stehen Kontraste und Paradoxien im Vordergrund: So sei der Prozess die „Folge“ von Gottes Anwesenheit im Prozess „und nicht umgekehrt“ (M2, S. 2, Bild 1). Gott selbst initiiert ein Gedankenexperiment, wonach er unter Umständen nur existiere, weil die Menschheit ihn zur Kontingenzbewältigung im Sinne eines Lückenbüßergottes brauche (M2, S. 2, Bild 2-4). Auf diese Weise wird die Theodizeefrage als Frage nach einem Gotteskonstrukt und der offenen Frage nach dem Ursprung von allem in der Sache verschleiert.
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Dies gilt in gleicher Weise für die Bildfolge auf Seite 3.
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L. Feuerbach postuliert, dass Religion nichts anderes als das Verhalten des Menschen zu sich selbst ist. Aufgrund seines Wissens um Begrenztheiten und die damit verbundene Ohnmacht, wünscht sich der Mensch das Gegenteil: Vollkommenheit und Glückseligkeit. Da er das nicht selbst erreichen kann, stellt er sich ein Wesen gegenüber, das all das Positive ist, was der Mensch nicht ist. Der Mensch überhöht seine positiven Eigenschaften und schreibt sie Gott zu, dem Menschen alle negativen.
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Damit projiziert der Mensch sein Selbstbewusstsein nach außen und versteht den allmächtigen Gott als real existierendes, absolutes und vollkommenes Wesen, das in Wirklichkeit aber nichts anderes als das menschliche Wesen ist, was der Mensch aber nicht durchschaut. Religion führt zu der bzw. ist somit die Entzweiung des Menschen mit sich selbst.
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Infolgedessen stellt die Liebe zur Projektion (Gott) lediglich eine abgeleitete Liebe zum Menschen dar und keine unmittelbare. Feuerbach postuliert, dass die Liebe zum Menschen zur ursprünglichen (also Liebe dem Menschen gegenüber) werden muss: Theologie muss Anthropologie werden. Der Mensch muss für den Menschen das höchste Wesen sein:Homo homini deus est.
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Deshalb fordert Feuerbach die Auflösung der Projektion und den Einsatz für eine humanere Gesellschaft im Diesseits.
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K. Marx' Religionskritik knüpft an Feuerbach an, indem er Gott als eine Projektion des Menschen sieht. Er geht aber über ihn hinaus, indem er an ihm kritisiert, dass der Mensch weder abstrakt (als Gattung) noch ungeschichtlich (als gleichbleibendes religiöses Gemüt) zu begreifen ist: Der Mensch ist vielmehr das „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ und das religiöse Gemüt ein „gesellschaftliches Produkt“.
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Dass sich der Mensch ein „Reich in den Wolken“ baut, ist nur aus der Ungerechtigkeit einer verkehrten gesellschaftlichen und politischen Basis zu erklären: Religion verklärt das Elend der sozialen Zustände (v. a. die ungerechten Besitzverhältnisse) beispielsweise als Gottes Wille oder tröstet über sie hinweg, indem sie auf ein besseres Jenseits verweist. Dadurch legitimiert die Religion die verkehrte Welt und stützt die herrschende Klasse selbst da, wo sie selbst auf soziales Elend hinweist, weil sie nicht deren wahre Ursachen benennt.
Allerdings ist dies alles kein bewusster Vorgang, sondern „Opium des Volkes“ selbst, dessen Betäubung dazu dient, die Schmerzen des Elends lieber zu ertragen als ihre Ursachen revolutionär zu beseitigen und der unterdrückten Klasse zur Emanzipation zu verhelfen.
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Die Lösung kann daher nur darin bestehen, die Funktion von Religion offenzulegen, damit Letztere den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer klassenlosen, kommunistischen Gesellschaft nicht mehr verhindern kann. In einer solchen Gesellschaft würde Religion dann von selbst überflüssig werden und absterben. Religionskritik ist von daher zugleich immer auch Gesellschaftskritik.
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Ein christlicher Umgang mit diesen Positionen sollte nicht primär darin bestehen, deren mögliche erkenntnistheoretische Beschränktheit und Bedingtheit zu kritisieren, wie dies der theoretisch-philosophierende Gott in M 2 täte (vgl. S. 6, Bild 2 f. und v. a. 5), der alsadvocatus diaboliselbst eine Art Projektionsthese vertritt, die in ihrer anthropologischen Ausrichtung Feuerbach nahesteht (vgl. S. 5, Bild 2 bis S. 6, Bild 3 bzw. 5). So könnte Gott in M 1 z. B. den klassischen Einwand anführen, dass selbst wenn Götter Wunschwesen wären, daraus nichts hinsichtlich ihrer Existenz oder Nicht-Existenz folge (E. v. Hartmann). Er könnte auch darauf hinweisen, dass die Beweisführung bei Feuerbach und Marx einepetitio principiiist, die das zu entwickelnde Ergebnis (Religion ist Illusion) immer schon voraussetzt. Und schließlich könnte gerade dieser wenig empathisch wirkende Gott das allzu positive erscheinende Menschenbild der beiden Positionen kritisch hinterfragen.
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Eine christliche Position sollte – durchaus im Sinne von M 1 (vgl. Z. 8-11 sowie Z. 37-44) – die Positionen von Feuerbach und Marx vielmehr als eine Aufforderung verstehen, das eigene Gottesbild kritisch daraufhin zu befragen, ob es nur eine Projektion bzw. ein Wunschbild ist und Gott v. a. für die eigenen Wünsche instrumentalisiert wird. Denn M 1 grenzt sich nicht grundsätzlich von atheistischen Anfragen ab (vgl. M 1, Z. 20 f.), sondern nimmt diese selbst sehr ernst. Es richtet sich vielmehr gegen einen „kämpferischen neuen Atheis[mus]“ (M 1, Z. 39), der Religion zu oberflächlich kritisiert, anstatt deren Inhalte selbst differenziert wahr- und ernst zu nehmen.
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Aus christlicher Sicht entspricht die Projektionsunterstellung im Kern dem ersten und zweiten Gebot des Dekalogs, keine anderen, d. h. falschen Götter zu haben und sich kein Bild von Gott zu machen und Gott somit festzulegen, z. B. auf eine Art Wunscherfüllungsinstanz. In diesem Sinn äußerst sich z. B. auch Bonhoeffer: Gott darf kein Lückenbüßer sein (vgl. M2, S. 5, Bild 3 f.), sondern soll mitten im Leben relevant werden.
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So wie M 1 die existentielle Dimension des Leids ernst nimmt, sollte christlicher Glaube auch die sozialethischen bzw. -politischen Anfragen von Marx kritisch auf das gesellschaftliche Handeln von Christinnen und Christen bzw. von Kirche beziehen. Hierbei ist zu prüfen, inwieweit man den eigenen Ansprüchen und Perspektiven (z. B. mit Blick auf prophetische Gerechtigkeitsvorstellungen, dem Reich Gottes-Gedanken oder etwa Ansätzen der Befreiungstheologie) gerecht wird. Gleichwohl wird man selbst wiederum kritische Anfragen an die Möglichkeit individueller oder gesellschaftlicher Selbsterlösung stellen und hier auf ein realistisches Menschenbild pochen.
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Sünde kann allgemein als Sein wollen wie Gott bzw. als Störung der Beziehung zu Gott, Mitmenschen und zu sich selbst verstanden werden.
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Es geht dabei nicht primär um moralisches Handeln bzw. moralische Verfehlungen, sondern um eine anthropologische Beschreibung des Zustandes des Menschen in der Welt.
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Nach Luther ist der Mensch in sich verkrümmt, also auf sich selbst bezogen (homo incurvatus, vgl. auch Röm 7) und somit unfähig, sich dem Nächsten oder Gott zuzuwenden.
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Der Mensch kann zudem nicht aus eigener Anstrengung vor Gott gerecht werden und erfährt sich als unzulänglich.
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Erlösung findet derhomo incurvatusallein im Glauben (sola fide) bzw. durch Jesus Christus (solo Christo) aufgrund von Gottes Gnade (sola gratia)
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Somit kann der Mensch als zugleich sündig und gerechtfertigt (simul iustus et peccator) beschrieben werden.
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Nach Tillich beschreibt Sünde den Zustand des Menschen als Entfremdung: Der Mensch existiert nicht so, wie er als Wesen gemeint ist. Diese Entfremdung ist Folge seiner Freiheit, sich ohne Gott selbst zu verwirklichen.
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Diese Entfremdung bezieht sich somit auf Gott, die Mitmenschen und die eigene Person.
In der Bildlichkeit und im Umgang der Handelnden miteinander lassen sich in M 2 deutliche Hinweise auf Sünde als Beziehungsstörung, Selbstbezogenheit bzw. Entfremdung erkennen. Allerdings gehen diese Formen der Beziehungsstörung nicht nur auf die Menschen selbst, sondern auch auf Gott zurück:
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Ein Prozess als solcher ist bereits ein klarer Hinweis auf eine gestörte Beziehung, da der jeweilige Konflikt nicht durch gängige Formen zwischenmenschlicher Kommunikation gelöst werden kann. In M 2 wird dies noch dadurch verstärkt, dass es sich um einen großen öffentlichen Schauprozess handelt, der keinen Raum für feinfühlige, individuelle Gespräche lässt, sondern eher wie ein Sportereignis inszeniert wird (vgl. S. 4). Indem sich der Mensch zum Richter über Gott aufschwingt, nimmt er dessen Position ein.
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Die Inszenierung macht die Beziehungsstörung bzw. Entfremdung durch die doppelte Distanz zwischen Gott und Gericht augenfällig: Gott sitzt einerseits in großer Entfernung zum Gericht (z. B. S. 4, Bild 1) und andererseits zudem noch hinter Panzerglas (S. 6, Bild 4).
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Im Verlauf des Prozesses wird kein echtes Interesse an den wahren Problemen (Leid, Theodizee) erkennbar; vielmehr handelt es sich um philosophische Spitzfindigkeiten und Scharmützel, die auf die – angesichts von Gottes offensichtlicher Gegenwart – geradezu absurde, theoretische Frage nach seiner Existenz zugespitzt werden (vgl. z. B. schon S. 5, Bild 1 f. oder S. 6, Bild 1 f.). Gott selbst gibt offen zu, dass seine Überlegungen den Charakter eines reinen Gedankenspiels haben (S. 5, Bild 1 f.).
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Eine Selbstbezogenheit bzw. Selbstverkrümmtheit kann ggf. auch darin erkannt werden, dass der Prozess trotz gewichtiger existenzieller Fragen (vgl. auch Einführungstext) als Medienereignis inszeniert wird (S. 4), das von diesen Fragen eher ablenkt, indem es um Strategien von rechtlicher Schuld und Unschuld geht und nicht um die Wahrheit dahinter (vgl. eben, Bild 3 f.)
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Die als Zitat gekennzeichnete Aussage „Gott als Einsamkeit der Menschen“ (S. 6, Bild 5 – der Comic zitiert hier J. P. Sartre) verweist auf Gottes Wissen um eine gestörte Beziehung (Gott als rein psychologische Funktion des Menschen). Zugleich antwortet Gott mit diesem Zitat nicht auf die Frage des Richters in Bild 3 (ebd.), obwohl er sich in Bild 4 dafür Bedenkzeit nimmt, was ebenfalls ein Zeichen von Entfremdung ist.
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Im letzten Bild attestiert Gott dem Richter eine „Begrenztheit“ des Weltverständnisses, was einen graduellen Unterschied zwischen Gott und Mensch bedeutet, der vom Richter als Beziehungsstörung verstanden werden wird. Erneut geht diese Entfremdung von Gott aus.