Dichtung
Bearbeite entweder die Aufgabe „Prosa“ oder die Aufgabe „Dichtung“!
Zu interpretierender Text: Vergil, Aeneis 6, 403 – 416
I. HINFÜHRENDE AUFGABEN
Stelle vier lateinische Wertbegriffe zusammen, die für einen Helden bzw. Anführer wie Aeneas bedeutsam sind! Der Text bietet dir Anhaltspunkte.
Beschreibe Aspekte der antiken Vorstellung von der menschlichen Existenz nach dem Tod, welche für das Verständnis des Textes (vor allem der Verse 9-12) von Bedeutung sind!
Arbeite aus dem Interpretationstext zwei typische Gattungsmerkmale des antiken Epos – abgesehen vom Metrum – heraus!
Analysiere die folgenden Verse aus dem Text (V. 6-7) metrisch, indem du Längen und Kürzen auf dein Arbeitsblatt schreibst und die einzelnen Verselemente (Metren) gegeneinander abgrenzt!
nec plura his. Ille admirans venerabile donum
fatalis virgae longo post tempore visum
II. INTERPRETATIONSAUFGABE
Interpretiere den Text – ausgehend vom lateinischen Original und ggf. unter Einbeziehung deiner Erkenntnisse aus der Bearbeitung der Aufgaben Nr. 1 bis Nr. 4 – nach formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten!
Aspekte, die du bereits in Teil I „Hinführende Aufgaben“ angeführt hast, werden nur bewertet, wenn du diese für die Interpretation nutzbar machst (die bloße erneute Nennung wird nicht positiv bewertet).
III. WEITERFÜHRENDE AUFGABEN
Seneca beschreibt im folgenden Zitat, warum manche mythische Helden den Stoikern als Vorbildfiguren galten.
Weise ausgehend vom Interpretationstext nach, dass dieses Zitat auch auf Aeneas, wie er in der Aeneis dargestellt ist, zutreffen könnte!
Hos enim Stoici nostri sapientes pronuntiaverunt, invictos laboribus et contemptores voluptatis et victores omnium terrorum.
Bearbeite von den zwei folgenden Aufgaben (Nr. 7 und Nr. 8) eine Aufgabe nach eigener Wahl!
Vergleiche die Aussage der Karikatur zum Rollenbild moderner Politiker mit Ciceros Vorstellung vom idealen Staatsmann!

Karikatur: https://de.toonpool.com/cartoons/Politikverdrossenheit_206740, zuletzt aufgerufen am 04.05.2023.
Cicero spricht sich an verschiedenen Stellen in De re publica für den aktiven Einsatz im Staat aus.
Untersuche auf der Grundlage deiner Kenntnisse von Ciceros De re publica, welche Funktion folgender Textausschnitt für Ciceros Argumentation erfüllt!
Aemilius Paullus, der leibliche Vater des Scipio, spricht zu seinem Sohn:
Bearbeite von den zwei folgenden Aufgaben (Nr. 9 und Nr. 10) eine Aufgabe nach eigener Wahl!
Entwickle ausgehend von folgendem Zitat aus einem Brief Senecas und deiner Kenntnis der stoischen Philosophie die Position eines stoischen Philosophen gegenüber den mythischen Vorstellungen von Seele und Tod!
(nach R. Nickel)
L. Annaeus Seneca: Epistulae morales ad Lucilium. Briefe an Lucilius. Lateinisch/Deutsch, Band II. Übersetzt und herausgegeben von R. Nickel, Düsseldorf 2009, S. 84-87.
Arbeite aus dem folgenden Text heraus, inwiefern er im Hinblick auf den Gegenstand der satirischen Darstellung und die Darstellungsart typisch für die Satiren des Horaz ist!
(nach W. Schöne)
Q. Horatius Flaccus: Sermones et Epistulae: Übersetzt und zusammen mit H. Färber bearbeitet von W. Schöne, Ansbach 1954/55, S. 11.
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Im 6. Buch der Aeneis schildert Vergil, wie die Priesterin Sibylle mit folgenden Worten Aeneas den Abstieg in die Unterwelt ermöglicht, nachdem sich der Fährmann Charon zunächst geweigert hatte, einen Lebenden über den Unterweltsfluss in das Reich der Toten zu bringen.
Übersetzung (nach E. und G. Binder):
P. Vergilius Maro: Aeneis. Lateinisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von E. und G. Binder, Stuttgart 2008, S. 315.
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pietas (vgl. V. 1: pietate insignis und V. 3: pietatis imago)
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fortitudo (vgl. V. 1: [sc. insignis] armis)
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virtus
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labor
In der Antike war der Glaube weit verbreitet, dass sich die Seele nach dem Tod eines Menschen vom Körper trennt. Die vom Körper getrennten Seelen (vgl. V. 9: animas) sind nichts als gesichtslose Schatten (vgl. V. 2: umbras), die von dem Gott Merkur in die Unterwelt geführt und vom düsteren Fährmann Charon über einen Unterweltsfluss gebracht werden. Lebendigen ist die Unterwelt verschlossen, wenngleich es im Mythos Ausnahmen gibt (z. B. Orpheus oder Odysseus). So ist der Kahn Charons nur für körper- und gewichtlose Schatten ausgerichtet: Nur mit Mühe kann er Aeneas transportieren. Zuvor müssen jedoch die Seelen der Verstorbenen Platz machen.
Der vorliegende Textausschnitt ist Teil der Schilderung von Aeneas’ Abstieg in die Unterwelt (vgl. V. 2: imas Erebi descendit ad umbras). Seit Homers Odyssee ist die sog. Katabasis Gattungsmerkmal des Epos. Im Zentrum des Epos steht ein Mythos bzw. ein Held, dessen Taten und Schicksal in „epischer“ Breite erzählt werden (vgl. V. 1: Troius Aeneas). Neben der Ebene der Menschen weist das Epos immer auch eine Ebene der Götter auf, die in das irdisch-menschliche Geschehen eingreifen. Im Fall der Katabasis dringt der Mensch in die göttliche Sphäre, nämlich die der Unterwelt ein.
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II. INTERPRETATIONSAUFGABE
Inhalt und Struktur
Der Text gliedert sich in drei Sinnabschnitte, die den Ablauf des Geschehens klar strukturieren.
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V. 1-5a: Die Sibylle spricht Charon direkt an, stellt Aeneas vor und betont dessen pietas. Durch das Enthüllen des goldenen Zweiges weist sie Aeneas als von den Göttern legitimierten Besucher der Unterwelt aus.
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V. 5b-8: Charons Zorn legt sich, er akzeptiert den Auftrag und wendet den Kahn dem Ufer zu. Die Szene schlägt damit von der Auseinandersetzung zur Zustimmung um.
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V. 9-14: Charon schafft Platz für Aeneas, nimmt ihn an Bord und setzt Sibylle und Aeneas trotz der Überlastung des Kahns unversehrt am anderen Ufer ab.
Sprache und Stil
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Vergil gestaltet die Szene sprachlich auf hohem epischem Niveau, was der außergewöhnlichen Situation des Unterweltsgangs entspricht.
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Im Mittelpunkt des Textausschnitts stehen Sibylle und Charon, während Aeneas zwar präsent ist, aber nicht selbst spricht oder handelt. Die Handlung wird vor allem durch die Rede der Seherin und die Reaktionen des Fährmanns vorangetrieben.
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Die Rede der Sibylle ist klar strukturiert und wirkungsvoll zugespitzt. Nachdem der abstrakte Begriff pietas Charon nicht überzeugt, setzt sie mit der adversativen Konjunktion „at“ (V. 3) einen scharfen Kontrast und verweist auf den heiligen Zweig, der durch Wiederholung besonders betont wird („ramum hunc … ramum“, V. 4).
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Die Wirkung des Zweiges zeigt sich unmittelbar in der Sprache: Charons zuvor heftiger Zorn klingt ab, was durch bildhafte und klangliche Mittel verdeutlicht wird („corda residunt“, V. 5; Alliteration in „tumida ex ira tum“, V. 5).
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Vergil setzt auch humorvolle Akzente, etwa bei der Schilderung der praktischen Umsetzung des Auftrags. Charon vertreibt die wartenden Seelen („deturbat laxatque“, V. 10), um Platz für Aeneas zu schaffen, dessen Gewicht den eigentlich fragilen Kahn überfordert („ingentem Aenean“, V. 11; „gemuit sub pondere“, V. 11).
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Treffende Verben, Adjektive und Partizipien sorgen insgesamt für eine lebendige und anschauliche Darstellung, die die Spannung der Szene steigert und auf die folgenden Ereignisse in der Unterwelt vorbereitet.
Die Auswahl der sprachlich-stilistischen Beobachtungen erfolgt exemplarisch. Der Text bietet zahlreiche weitere Ansatzpunkte für eine vertiefende Analyse.
Gattung
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Die Aeneis des Vergil gehört zur Gattung des Epos, das im daktylischen Hexameter verfasst ist.
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Als episches Werk zeichnet sich der Text durch ein hohes stilistisches Niveau aus: komplexe Satzgefüge, eine feierlich-erhabene Sprache sowie eine bildhafte und bewusst archaisierende Wortwahl prägen auch den vorliegenden Ausschnitt.
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Im Mittelpunkt eines Epos stehen herausgehobene Gestalten. Aeneas ist sowohl königlicher Abstammung als auch göttlicher Herkunft, was seine Sonderstellung und seine Eignung als epischer Held unterstreicht.
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Der bevorstehende Gang in die Unterwelt stellt eine zentrale Heldentat dar und gehört zu den klassischen Motiven epischer Dichtung.
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Ein weiteres Gattungsmerkmal ist die Durchdringung von menschlicher und übermenschlicher Sphäre. Mit der Sibylle und Charon treten Figuren auf, die zwischen göttlicher Ordnung und menschlichem Handeln vermitteln.
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Schließlich nutzt das Epos direkte Rede, um Szenen zu verdichten und dramatisch zu gestalten. Die Worte der Sibylle leiten den Handlungsvorgang unmittelbar ein (V. 1-5).
Literarhistorische Einordnung
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Die Aeneis von Vergil umfasst zwölf Bücher. Während die Bücher 1-6 die Irrfahrten des Aeneas bis zur Ankunft in Italien schildern, behandeln die Bücher 7-12 die Kämpfe um die neue Heimat in Latium.
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Die vorliegende Textstelle gehört zum sechsten Buch und steht damit im Zentrum des Epos. Dieses Buch bildet einen entscheidenden Wendepunkt, da Aeneas hier sowohl Italien erreicht als auch eine grundlegende Orientierung für seine weitere Aufgabe erhält.
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Kurz zuvor hat Aeneas die Sibylle befragt und den goldenen Zweig empfangen, der ihm den Zugang zur Unterwelt ermöglicht. Die Begegnung mit Charon markiert nun den Übergang vom Diesseits ins Jenseits.
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Im weiteren Verlauf des Buches führt die Sibylle Aeneas durch die Unterwelt, wo ihm sein Vater Anchises die künftige Größe Roms offenbart. Diese Weissagung stärkt Aeneas für seinen weiteren Weg, weshalb die vorliegende Szene eine vorbereitende Schlüsselrolle im Gesamtwerk einnimmt.
Historisch-kulturelle Einordnung
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Die Aeneis wurde zur Zeit des Kaisers Augustus verfasst und gilt als römisches Nationalepos. Sie sollte die Entstehung und Größe Roms erklären und die neue politische Ordnung unter Augustus rechtfertigen.
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Die im Text besonders betonte pietas des Aeneas steht für ein zentrales römisches Wertideal. Aeneas erscheint als Vorbild, der Verantwortung gegenüber den Göttern, seiner Familie und seinem Auftrag übernimmt.
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Diese Darstellung lässt sich auf Augustus beziehen, der sich selbst als Nachfolger des Aeneas verstand und betonte, seinem Adoptivvater Caesar und den römischen Traditionen verpflichtet zu sein.
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Die wichtige Rolle der Sibylle zeigt außerdem, wie bedeutend Religion und göttliche Zeichen im Denken der Römer waren. Dies passt zum augusteischen Ziel, religiöse Bräuche und Kulte zu stärken.
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Die Überfahrt in die Unterwelt bereitet inhaltlich die spätere Schau der römischen Zukunft vor, in der Augustus als Höhepunkt der römischen Geschichte erscheint. Damit wird auch die Gegenwart Vergils in den mythologischen Zusammenhang eingebettet.
Gegenwartsbezug und Rezeption
Persönliche Stellungnahme
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Die Figur des Aeneas wirft auch heute die Frage auf, wie viel Verantwortung ein Mensch gegenüber Familie, Mitmenschen und Gesellschaft trägt. Pietas lässt sich in der Gegenwart weniger religiös verstehen, sondern eher als Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und nicht nur den eigenen Vorteil zu suchen.
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Der Abstieg in die Unterwelt kann als symbolische Grenzerfahrung gelesen werden. Auch moderne Menschen stehen vor Situationen, in denen sie Ängste überwinden oder schwere Entscheidungen treffen müssen, um ihren eigenen Weg weiterzugehen.
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Der Text thematisiert zudem das Spannungsfeld zwischen Schicksal und Selbstbestimmung. Aeneas folgt einem vorgegebenen Auftrag, handelt aber dennoch aktiv. Diese Frage ist auch heute relevant, wenn junge Menschen überlegen, inwieweit ihr Leben durch Herkunft, Erwartungen oder äußere Umstände geprägt ist.
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Die Vorstellung einer geordneten Unterwelt mit klaren Regeln erinnert an moderne moralische Ordnungssysteme. Auch ohne den Glauben an eine konkrete Unterwelt stellt sich bis heute die Frage nach Verantwortung für das eigene Handeln und dessen Folgen.
Rezeption
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Die Unterweltszene der Aeneis hat die europäische Kultur stark geprägt. Figuren wie Charon oder die Sibylle sind zu festen Bestandteilen der Vorstellung vom Jenseits geworden und tauchen in Literatur, Kunst und Popkultur immer wieder auf.
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Besonders einflussreich ist die Rezeption in der Göttliche Komödie von Dante Alighieri, in der Vergil den Dichter auf seinem Weg durch Hölle und Fegefeuer begleitet. Dies zeigt die große Autorität der Aeneis und ihres Autors im Mittelalter.
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Auch in der bildenden Kunst wurde die Begegnung von Aeneas, Sibylle und Charon vielfach dargestellt. Die Szene eignet sich besonders, um Übergänge zwischen Leben und Tod sowie menschliche Grenzerfahrungen bildlich umzusetzen.
Metrik
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Der Text ist, wie das gesamte Epos, im Hexameter verfasst.
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In der vorliegenden Passage überwiegen Spondeen, was dem Abschnitt einen ruhigen, feierlichen Rhythmus verleiht und zur ernsten Atmosphäre des Unterweltsgangs passt.
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Das Metrum unterstützt mehrfach den Inhalt: Die getragene Rhythmik hebt die Bedeutung des Aeneas hervor, während beweglichere Passagen mit Daktylen dynamische Vorgänge wie das Strömen des Flusses oder die Bewegung der Seelen begleiten.
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Zäsuren strukturieren die Verse und lenken die Aufmerksamkeit auf zentrale Begriffe und Figuren, etwa Aeneas oder den goldenen Zweig.
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Enjambements führen den Satz über das Versende hinaus fort. Dadurch wird die besondere Bedeutung des goldenen Zweiges hervorgehoben und zugleich die Belastung des Kahns sprachlich nachvollziehbar gemacht, indem zusammengehörige Wörter bewusst getrennt werden.
Insgesamt trägt das Metrum dazu bei, die Stimmung der Szene sowie die besondere Bedeutung von Handlung und Figuren klanglich zu unterstreichen.
III. WEITERFÜHRENDE AUFGABEN
Die stoischen Helden werden als von Strapazen unbezwingbar (vgl. Z. 1: invictos laboribus) beschrieben. Aeneas durchleidet standhaft auf seinem Weg aus dem brennenden Troia nach Italien vielfältige Strapazen. Dies beginnt damit, dass er sich und seiner Familie einen Weg durch das von den Feinden besetzte und in Flammen stehende Troja bahnt (vgl. im Interpretationstext V. 1: insignis et armis).
Die Strapazen kulminieren im Weg in die Unterwelt, welcher im Zentrum des vorliegenden Textausschnittes steht. Aeneas nimmt diese Herausforderung – trotz aller Schrecken, die sich ihm darbieten – furchtlos auf sich (vgl. Z. 2: victores omnium terrorum). Er wird geradezu zum Musterbild eines stoischen Weisen und gelangt – jedenfalls symbolisch – zum Ziel jeder Philosophie: der Überwindung der Todesfurcht.
Dass Aeneas sowohl Strapazen (labores) als auch Schrecken (terrores) erfolgreich (vgl. Z. 1: invictos bzw. Z. 2: victores) begegnet, versteht sich allein schon aus seiner vom fatum gewollten Mission. So wird etwa in der Jupiterprophezeiung dieser Erfolg vom Göttervater selbst garantiert.
Die Verachtung von Lust und Vergnügen (vgl. Z. 2: contemptores voluptatis) wird als weiteres Charakteristikum der stoischen Weisen dargestellt. Wenn Aeneas Dido verlässt, so wird er damit zum Musterbeispiel für den Verzicht auf Genuss und Annehmlichkeiten – und das zugunsten eines höherstehenden Ziels: der Erfüllung seiner Mission.
(Seneca, De constantia sapientis II, 1)
Politikverdrossenheit seitens der Bevölkerung wird in der Karikatur, welche zwei deutsche Politiker im Superman-Outfit darstellt, damit begründet, dass die Erwartungen an Politiker überzogen seien, da man geradezu Übermenschliches von ihnen erwarte. Die Nichterfüllung dieser übertriebenen Erwartungen führe bei der Bevölkerung aus Enttäuschung schließlich zur Politikverdrossenheit.
In Ciceros De re publica spielt der Aspekt der Politikverdrossenheit keinerlei Rolle, insofern sich die Perspektive fundamental von der Karikatur unterscheidet: Dort geht es nicht darum, die Erwartungen von außen darzustellen, sondern die Eigenschaften des Staatsmannes schlechthin zu formulieren:
Zu Beginn von Ciceros De re publica wird betont, dass es in der Natur des Menschen liege (vgl. rep. 1, 1: a natura), sich aktiv durch Leistung (vgl. rep. 1, 1: virtus) für das Gemeinwohl (vgl. rep. 1, 1: salus communis) einzusetzen. Dieser Drang sei stärker als der Wunsch nach einem Leben in Lust (vgl. rep. 1, 1: voluptas) bzw. Freizeit (vgl. rep. 1, 1: otium). Das Ideal des unabdingbaren Einsatzes für den Staat, wie es bei Cicero formuliert ist, übersteigt zwar gewiss das gemeinmenschliche Durchschnittsniveau, doch ist es keineswegs – wie in der Karikatur angedeutet – übermenschlich.
Bemerkenswert ist, dass es sich bei dem von Cicero beschriebenen Ideal um einen natürlichen Drang des Menschen handelt. Diese natürliche Veranlagung ist für die Karikatur irrelevant, zumal diese nicht die Haltung des Politikers darstellt, sondern die von der Gesellschaft auf die Politik projizierten Erwartungen.
Im sogenannten Somnium Scipionis wird mythologisierend beschrieben, wie Politiker für herausragende politische Erfolge mit dem ewigen Glück im Himmel (vgl. rep. 6, 13: beati aevo sempiterno fruantur) belohnt werden. In dieser mythischen Vision werden die Grenzen des Menschlichen klar überstiegen. Doch geschieht das bei Cicero nicht in ironisch-karikierender Weise.
Zudem ist die Perspektive eine andere: Es geht hier nicht um Erwartungen von außen. Denn im Somnium Scipionis wird beschrieben, dass der große Politiker mit seinem Engagement für den Staat nicht auf die akzidentielle Wertschätzung durch andere zielt; seine Leistungen (virtus = gutes Handeln) entsprechen seinem Wesen und ermöglichen seiner Seele die unverzügliche Rückkehr in die Transzendenz (vgl. rep. 6, 18 bzw. 6, 25: verum decus = reditus in hunc locum), wenn sie vom Körper befreit ist.
Der aktive Einsatz im Staat wird schon zu Beginn von De re publica thematisiert: Nach Cicero liegt es in der Natur des Menschen (vgl. rep. 1, 1: a natura), sich aktiv durch Leistung (vgl. rep. 1, 1: virtus) für das Gemeinwohl (vgl. rep. 1, 1: salus communis) einzusetzen. Darüber hinaus kann sich die virtus nur in der Praxis (vgl. rep. 1, 2: usus) zeigen und bewähren. Am deutlichsten tritt sie in der Leitung einer politischen Gemeinschaft hervor (vgl. rep. 1, 2: civitatis gubernatio).
Der vorliegende Textausschnitt stammt aus dem sogenannten Somnium Scipionis im sechsten Buch von De re publica und ist von großer Bedeutung für Ciceros Argumentation im Sinne eines aktiven Engagements im Staat.
Im Somnium Scipionis berichtet Scipio den Gesprächsteilnehmern in der Diskussion über die praemia virtutis, die der führende Staatsmann zu erwarten habe, von einem Traum: Scipio maior, der Vater seines Adoptivvaters (vgl. Z. 1: avus hic tuus), und sein leiblicher Vater Aemilius Paullus (vgl. Z. 1: ego, qui te genui) erscheinen, eröffnen ihm seine Zukunft und belehren ihn über den Sinn des Lebens.
Zentral für Ciceros Argumentation ist die von Scipio und auch Aemilius Paullus formulierte Aussicht, dass Politiker für ihren Einsatz im Staat mit einer Entrückung in den Himmel (vgl. Z. 3: via est in caelum) belohnt werden – befreit von den Fesseln ihrer irdischen Existenz (vgl. Z. 4: corpore laxati).
Mit der literarischen Form der fiktiven Traumerzählung wird im Sinne der Argumentation Ciceros die Gültigkeit der Aussicht auf den Lohn für politisches Engagement unterstrichen – nicht zuletzt dadurch, dass verstorbene Gestalten (wie im vorliegenden Ausschnitt Aemilius Paullus) auftreten, die auf der Grundlage historischer Erfahrungen überzeitliche Erkenntnisse vortragen können.
Gedanklich klingt im Verweis auf die pietas gegenüber der patria (vgl. Z. 2-3: pietatem, quae […] in patria maxima est) auch Cic. rep. 1, 8 an: Auch wegen der Vorleistungen der patria für den Einzelnen ist jeder zum Engagement im Staat im Sinne von alimenta gegenüber der patria verpflichtet.
(Cicero, De re publica 6, 16)
Das Ziel der stoischen Philosophie ist die vita beata, deren Erlangung im Wesentlichen die Überwindung der Todesangst voraussetzt. Seneca formuliert dies im vorliegenden Text mit den Worten: Mors contemni debet (Z. 1). Dies bedeutet, dass dem Tod keinerlei Aufmerksamkeit durch den Menschen geschenkt werden soll.
Im Verb contemnere klingt das stoische Ideal der ἀπάθεια (apátheia), des Freiseins von Affekten, an, das den Menschen dazu befähigt, die Wechselfälle des Schicksals wie Krankheit, Armut und letztendlich den Tod mit Gelassenheit zu ertragen. Diese Leidenschaftslosigkeit wird durch die Einsicht in die unabänderliche göttliche Vorhersehung (providentia) erlangt, in welche sich der Mensch fügen muss.
Dem Text zufolge wird in den Mythen (vgl. Z. 4: fabulas) hingegen, in welchen sich die menschliche Vorstellungskraft (vgl. Z. 2: ingeniis) über die Jahrhunderte hinweg das Leben nach dem Tod auf drastische und abschreckende Weise ausgemalt hat (vgl. Z. 3: carcer infernus et perpetua nocte oppressa regio), dem Tod zu große Aufmerksamkeit geschenkt.
Zur Überwindung der Todesangst im Speziellen hat die Philosophie die Vorstellung von der Nicht-Existenz des Menschen nach dem Tod (vgl. Z. 6: nusquam [sc.sint]) entwickelt, welche das Erleiden von Unterweltsqualen von vornherein ausschließt. Der Stoa zufolge existiert die unsterbliche Seele, durch welche der Mensch Anteil an der göttlichen ratio hat, weiter. Dieser Aspekt wird im vorliegenden Text in dieser Form jedoch nicht ausgeführt – wohl zum Zweck der Pointierung der Aussage, dass die Angst der Menschen vor dem Nicht-Sein (vgl. Z. 5-6: timent […] ne nusquam [sc.sint]) ebenso groß sei wie die vor dem Sein in der Unterwelt (vgl. Z. 5: timent, ne apud inferos sint). Werden derartige mythische Vorstellungen nicht überwunden, bleibt die Angst, der Zustand der ἀπάθεια wird nicht erreicht und der Weg zur vita beata ist verschlossen.
(Seneca, Epistulae morales 82, 16)
Der vorliegende Textausschnitt ist insofern typisch für die Satiren des Horaz, als sich der Dichter den Unzulänglichkeiten des Alltags widmet: Es geht ihm nicht um die Verfehlungen des Tantalus, sondern um den Geiz der Menschen, die avaritia, die im Mittelpunkt von Satire 1,1 steht.
Nicht anders als Tantalus, der mitten in der Fülle zu verdursten droht, ergeht es dem Geizigen, der auf seinem Besitz hockt (V. 3-4: congestis undique saccis indormis), nach immer mehr giert (V. 4: inhians) und trotzdem, da er ja seinen Reichtum wie ein Heiligtum hütet (V. 4-5: tamquam parcere sacris cogeris), nicht mehr davon hat, als wäre er nur gemalt (V. 5: cogeris […] pictis tamquam gaudere tabellis).
Im Unterschied etwa zu Lucilius oder Catull greift Horaz in seinen Satiren und so auch im vorliegenden Textausschnitt nicht bestimmte Personen namentlich mit scharfen Worten an.
Sein Motto ist das ridentem dicere verum: Er will einerseits unterhalten und andererseits belehren.
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Unterhalten wird der Hörer / Leser im vorliegenden Textausschnitt gewiss durch den unvermittelten und überraschenden Perspektivwechsel von Tantalus zum Leser (V. 1-2: Tantalus […] quid rides?) und die sorgsame und wirkungsvolle sprachliche Ausgestaltung (z. B. durch das das zurückweichende Wasser nachahmende Hyperbaton samt Enjambement in V. 1-2: fugientia (…) flumina oder die sehr plastisch und drastisch geschilderte Situation des auf seinen Geldsäcken sitzenden Geizigen).
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Die Belehrung geht mit der Unterhaltung Hand in Hand: So ist der plötzliche und auf kleinstem Raum formulierte Fingerzeig auf den Hörer / Leser (V. 2-3: quid rides? Mutato nomine de te […] narratur) ebenso unterhaltsam wie didaktisch effektvoll.
(Horaz, Satire 1,1, 68 – 72)