HT 1
Aufgabenstellung
Stelle die wesentlichen Aussagen des Textauszugs von Walter Hettche dar und formuliere schlussfolgernd, wie Hettche die Figur Licht interpretiert.
Erörtere diesen Interpretationsansatz. Beziehe dabei deine Kenntnisse zu Kleists Dramentext ein.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?„Ein eignes Blatt“.1 Der Schreiber Licht und der Prozeß um den zerbrochnen Krug (1993; Auszug)
Walter Hettche
1 Zitat aus „Der zerbrochne Krug“ (9. Auftritt)
2 Adam Heinrich Müller: deutscher Philosoph (1779–1829)
3 obskurantisch: zwielichtig, auf dunkle Machenschaften ausgerichtet
Walter Hettche: „Ein eignes Blatt“. Der Schreiber Licht und der Prozeß um den zerbrochnen Krug. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Heinrich von Kleist.
TEXT + KRITIK. Zeitschrift für Literatur. SONDERBAND. 2., aktual. Aufl. München: edition text + kritik 2021, S. 84–99, Auszug: S. 95–97
(Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle. Aus Gründen der besse-
ren Lesbarkeit wurden die Fußnoten aus dem Originaltext nicht übernommen.)
Anmerkung zum Autor: Walter Hettche (* 1957) ist Literaturwissenschaftler.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1: Darstellung der wesentlichen Aussagen und Interpretation der Figur Licht
Einleitung
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Der vorliegende literaturwissenschaftliche Textauszug von Walter Hettche untersucht die Bedeutung des Schreibers Licht in Heinrich von Kleists Lustspiel Der zerbrochne Krug. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche Funktion Licht innerhalb des Gerichtsprozesses übernimmt und wie sich seine Rolle im Verlauf der Handlung verändert.
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Hettche deutet Licht dabei vor allem als eine Figur, die sich vom untergeordneten Schreiber zu einem selbstständig denkenden und handelnden Menschen entwickelt und damit eine aufklärerische Gegenposition zu Richter Adam einnimmt.
Hauptteil
Der Prozess als eigentliche Handlung des Dramas
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Hettche greift zunächst Goethes Bezeichnung des Zerbrochnen Krugs als Stück des „unsichtbaren Theater[s]“ (Z. 2) auf. Damit ist gemeint, dass das eigentliche Verbrechen nicht unmittelbar auf der Bühne dargestellt wird, sondern sich erst nachträglich aus verschiedenen Hinweisen erschließt. Die übrigen Prozessbeteiligten und die Zuschauer setzen das Geschehen aus Widersprüchen in Adams Prozessführung sowie aus verschiedenen Indizien wie dem gefälschten Brief, dem gefälschten Attest, der Fußspur und der Perücke zusammen (vgl. Z. 1–9).
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Für Hettche ist die genaue Rekonstruktion des nächtlichen Krugzerbrechens jedoch nicht der entscheidende Gegenstand des Lustspiels. Vielmehr sieht er im Gerichtsprozess selbst die eigentliche Handlung und misst innerhalb dieses Prozesses besonders den Tätigkeiten des Schreibers Licht Bedeutung bei (vgl. Z. 10–12). Während sich Richter Adam im Verlauf des Prozesses nicht grundlegend verändert, sondern immer neue Lügen und Ausreden erfindet, um seine eigene Schuld zu verbergen (vgl. Z. 13–15), erkennt Hettche gerade bei Licht eine tatsächliche Entwicklung.
Lichts Entwicklung vom Untergebenen zum handelnden Subjekt
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Nach Hettche durchläuft Licht im Verlauf des Prozesses eine deutliche Entwicklung. Er wandelt sich bei seiner Tätigkeit als Protokollführer „vom Untergebenen zum denkenden Individuum, vom Objekt im formalen Mechanismus der Gerichtsverhandlung zu deren Subjekt“ (Z. 16–19). Licht bleibt damit nicht bloß ausführendes Organ innerhalb des Gerichts, sondern beginnt zunehmend, selbstständig zu beobachten, zu denken und zu handeln.
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Dieser Wandel unterscheidet ihn grundlegend von Adam. Während der Richter seine Stellung nutzt, um die Wahrheit zu verschleiern, entwickelt Licht ein wachsendes Bewusstsein für die tatsächlichen Zusammenhänge des Falls (vgl. Z. 13–19). Für Hettche besteht die eigentliche dynamische Entwicklung des Dramas daher weniger in Adams Verhalten als vielmehr in der zunehmenden Selbstständigkeit Lichts.
Licht als sichtbarer Aufklärer
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Hettche widerspricht im weiteren Verlauf der Vorstellung, die entscheidende Handlung des Stückes sei vollständig unsichtbar. Lichts Tätigkeit sei vielmehr, mit einer Ausnahme, ständig auf der Bühne präsent (vgl. Z. 19–22). Die Ausnahme bildet der zehnte Auftritt, in dem Licht gemeinsam mit Frau Brigitte außerhalb des Gerichtssaals Adams Fußspur und dessen Perücke findet (vgl. Z. 20–22).
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Die Ergebnisse dieser Ermittlungen werden anschließend jedoch unmittelbar sichtbar gemacht. Licht setzt Adam die Perücke auf und hält ihm den „Spiegel der Selbsterkenntnis“ (Z. 24–25) vor. Dadurch wird Adam für die übrigen Figuren und die Zuschauer sichtbar mit den Spuren seiner eigenen Tat konfrontiert. Nach Hettche führt Licht den Richter damit endgültig als Täter vor (vgl. Z. 22–25).
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Gerade deshalb schlägt Hettche vor, bei Licht eher von einem „unhörbare[m]“ als von einem unsichtbaren Theater zu sprechen (Z. 28–29). Licht handelt sichtbar, äußert sich jedoch vergleichsweise selten. Seine knappen Bemerkungen und Antworten werden von den deutlich umfangreicheren Äußerungen der übrigen Prozessbeteiligten, vor allem Adams, übertönt (vgl. Z. 29–33).
Licht als Detektivfigur
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Aus dieser Entwicklung ergibt sich Hettches zentrale Charakterisierung Lichts als Detektivfigur. Der Schreiber entwickle sich zu einer „Detektiv-Figur“ (Z. 34–35), weil es ihm gelinge, den Täter mit dessen eigenen Mitteln zu schlagen. Entscheidend sind dabei vor allem Sprache und Schrift (vgl. Z. 34–36).
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Adam setzt Sprache ein, um seine Schuld zu verbergen. Seine Wortgewandtheit soll die tatsächlichen Vorgänge verschleiern und die Aufmerksamkeit von seinem eigenen Fehlverhalten ablenken (vgl. Z. 36–39). Licht reagiert darauf auf entgegengesetzte Weise: Er beobachtet, denkt nach und spricht nur wenig. Gerade dieses schweigsame und konzentrierte Verhalten verhindert nach Hettche, dass Adams Redestrategie ihre beabsichtigte Wirkung erzielt (vgl. Z. 36–40).
Sprache und Schrift als Mittel der Wahrheitsfindung
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Eine besondere Bedeutung besitzt für Hettche deshalb der unterschiedliche Umgang der beiden Figuren mit Sprache und Schrift. Während Adam Sprache zur Täuschung und Verschleierung einsetzt, nutzt Licht sie vernunftgeleitet und verantwortungsvoll. Am Ende erweise sich der „sparsame und verantwortungsvolle Umgang mit Sprache und Schrift“ (Z. 40–41) als der wirkungsvollere Weg zur Wahrheitsfindung.
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Hettche verbindet Licht deshalb mit der Tradition der Aufklärung. Durch seinen vernünftigen Umgang mit Sprache entwickelt er sich zu einer Figur, die selbstständig Erkenntnisse gewinnt und diese zur Aufdeckung der Wahrheit nutzt (vgl. Z. 41–45). Licht befreit sich dabei aus einer durch die Umstände erzwungenen Unmündigkeit und gelangt zu eigenständigem Denken und Handeln (vgl. Z. 43–45).
Lichts Emanzipation durch das „eigne Blatt“
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Besonders wichtig für diese Entwicklung ist Lichts Entscheidung, „ein eignes Blatt“ (Z. 46) über den Prozessverlauf anzufertigen. Gemeint ist ein eigenes Protokoll, das er zunächst für sich selbst schreibt. Diese Entscheidung markiert nach Hettche den Wandel vom „passiven Objekt der Gerichtsmaschinerie zum aktiven Subjekt der Gerichtsverhandlung“ (Z. 47–48).
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Die Schrift wird damit zum Mittel seiner Emanzipation. Licht dokumentiert nicht mehr lediglich, was ihm von anderen vorgegeben wird, sondern nutzt die schriftliche Aufzeichnung zur eigenen Erkenntnisgewinnung. Während Adam Sprache für „obskurantische, egoistische Ziele“ einsetzt (Z. 49), verwendet Licht die Schrift nach Hettche aufklärend und im Interesse des allgemeinen Wohls (vgl. Z. 49–53).
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Die beiden Protokolle machen seine Erkenntnisse zudem überprüfbar und objektivierbar. Sie zeigen sowohl Lichts zunehmende Selbstständigkeit als auch den Erfolg seines Denkens, nämlich die Überführung Adams (vgl. Z. 50–53).
Symbolische Bedeutung des Namens Licht
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Abschließend deutet Hettche auch den Namen der Figur symbolisch. Lichts Tätigkeit besitze eine „aufklärende Funktion“ (Z. 53). Sein Name passe deshalb zu seiner Aufgabe, weil er durch seine Beobachtungen, sein Denken und seine schriftliche Arbeit die verborgenen Zusammenhänge des Falls erhellt und damit die Wahrheit sichtbar macht (vgl. Z. 53–55).
Fazit
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Zusammenfassend interpretiert Hettche Licht als aufklärerische Gegenfigur zu Adam. Während der Richter seine sprachlichen Fähigkeiten dazu nutzt, die Wahrheit zu verschleiern, verwendet Licht Beobachtung, Sprache und vor allem Schrift zur Wahrheitsfindung. Im Verlauf des Prozesses entwickelt er sich vom untergeordneten Schreiber zu einem selbstständig denkenden und handelnden Subjekt (vgl. Z. 16–19).
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Dabei wird Licht zugleich zur Detektivfigur, weil er Adams Widersprüche erkennt und an dessen Entlarvung mitwirkt (vgl. Z. 34–40). Besonders die Entscheidung für „ein eignes Blatt“ (Z. 46) kennzeichnet seine Emanzipation. Hettche versteht Licht damit als eine Figur der Aufklärung, deren Name auf ihre erhellende Funktion innerhalb des Dramas verweist (vgl. Z. 41–55).
Teilaufgabe 2: Erörterung des Interpretationsansatzes unter Einbeziehung des Dramentextes
Überleitung
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Heinrich von Kleists Lustspiel Der zerbrochne Krug zeigt einen Gerichtsprozess, in dessen Verlauf sich allmählich herausstellt, dass ausgerechnet Richter Adam selbst für den zerbrochenen Krug und die nächtlichen Geschehnisse in Eves Zimmer verantwortlich ist. Walter Hettche deutet den Schreiber Licht als aufklärerische Gegenfigur zu Adam, die sich im Verlauf des Prozesses vom untergeordneten Schreiber zum selbstständig denkenden und handelnden Menschen entwickelt.
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Dieser Interpretationsansatz lässt sich in vielen Punkten am Dramentext nachvollziehen, sollte hinsichtlich der tatsächlichen Bedeutung Lichts für die Aufklärung des Falls jedoch differenziert betrachtet werden.
Hauptteil
Licht als Gegenfigur zum Richter Adam
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Zunächst überzeugt Hettches Interpretation aufgrund der grundlegenden Figurenkonstellation. Adam und Licht verkörpern zwei gegensätzliche Formen des Umgangs mit Wahrheit. Adam ist selbst der Täter, soll jedoch gleichzeitig als Richter den Fall aufklären. Daraus entsteht ein grundlegender Widerspruch: Derjenige, der institutionell für die Wahrheitsfindung zuständig ist, versucht gerade, diese zu verhindern.
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Adam nutzt seine sprachlichen Fähigkeiten deshalb vor allem zur Täuschung und Selbstrechtfertigung. Er versucht, Aussagen umzudeuten, Verdachtsmomente auf andere Figuren zu lenken und seine eigene Verantwortung zu verschleiern. Dies entspricht Hettches Beobachtung, dass Adams Sprachhandlungen keine qualitative Entwicklung durchlaufen, sondern lediglich aus immer neuen Lügen und Ausreden bestehen, mit denen er seine Schuld verdecken möchte (vgl. Z. 13–16).
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Licht verhält sich dagegen zunehmend anders. Er beobachtet den Prozess genau, erkennt Widersprüche und entwickelt nach und nach eigene Schlussfolgerungen. Damit lässt sich Hettches Beschreibung seiner Entwicklung „vom Untergebenen zum denkenden Individuum“ (Z. 16–18) grundsätzlich am Drama nachvollziehen.
Licht als Beobachter und Ermittler
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Auch Hettches Einordnung Lichts als Detektivfigur ist in wesentlichen Punkten überzeugend. Im Verlauf des Dramas treten immer mehr Hinweise auf Adams Schuld hervor. Dazu gehören etwa dessen verlorene Perücke, die auffällige Fußspur sowie zahlreiche Widersprüche in seinen Aussagen. Licht beobachtet diese Entwicklungen aufmerksam und verbindet einzelne Hinweise miteinander.
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Besonders wichtig ist sein gemeinsames Vorgehen mit Frau Brigitte. Hettche hebt hervor, dass beide im zehnten Auftritt Adams Fußspur und seine Perücke finden (vgl. Z. 20–22). Licht nimmt somit tatsächlich Tätigkeiten wahr, die an die Arbeit eines Ermittlers erinnern. Dass Hettche ihn schließlich als „Detektiv-Figur“ bezeichnet (Z. 34–35), ist daher nachvollziehbar.
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Allerdings darf seine Bedeutung für die Aufklärung nicht überschätzt werden. Licht löst den Fall nicht allein. Auch Eve, Ruprecht, Frau Marthe, Frau Brigitte und vor allem Gerichtsrat Walter tragen dazu bei, dass Adams Version des Geschehens zunehmend unglaubwürdig wird. Die Wahrheit entsteht letztlich aus dem Zusammenspiel verschiedener Aussagen, Beweismittel und Widersprüche.
Die Bedeutung von Sprache und Schrift
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Besonders überzeugend ist Hettches Schwerpunkt auf Sprache und Schrift. Sprache ist in Der zerbrochne Krug keineswegs nur ein neutrales Kommunikationsmittel. Adam verwendet sie gezielt, um Tatsachen zu verdrehen, Fragen auszuweichen und andere Figuren zu beeinflussen. Seine sprachliche Macht hängt eng mit seiner Stellung als Richter zusammen.
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Licht geht anders mit Sprache um. Seine Äußerungen sind vergleichsweise knapp, und er beobachtet häufig zunächst, bevor er handelt. Hettche spricht deshalb von seiner „weitgehend stumme[n] Nachdenklichkeit“ (Z. 36–37). Gerade darin erkennt er einen Gegensatz zu Adams Geschwätzigkeit, durch die dieser seine Schuld verschleiern möchte (vgl. Z. 36–40).
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Auch die Schrift spielt eine wichtige Rolle. Licht ist als Schreiber dafür zuständig, den Prozess zu protokollieren. Geschriebene Aussagen können festgehalten, überprüft und mit späteren Äußerungen verglichen werden. Hettches Aussage, dass sich der „sparsame und verantwortungsvolle Umgang mit Sprache und Schrift“ als besonders wirksam zur Wahrheitsfindung erweise (Z. 40–41), lässt sich deshalb gut auf das Drama beziehen.
Das „eigne Blatt“ als Zeichen von Selbstständigkeit
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Besondere Bedeutung misst Hettche Lichts Entscheidung bei, „ein eignes Blatt“ anzufertigen (Z. 46). Diese Handlung zeigt, dass Licht nicht mehr nur mechanisch die Aufgaben erfüllt, die ihm innerhalb des Gerichtssystems zugewiesen werden. Er beginnt vielmehr, den Prozess auch aus eigener Perspektive festzuhalten.
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Hettche deutet diesen Schritt als Wandel vom „passiven Objekt der Gerichtsmaschinerie zum aktiven Subjekt der Gerichtsverhandlung“ (Z. 47–48). Diese Interpretation ist schlüssig, weil Licht damit zunehmend unabhängig von Adam handelt. Schrift dient nicht mehr bloß der bürokratischen Protokollierung, sondern wird zu einem Mittel der eigenständigen Erkenntnisgewinnung.
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Allerdings sollte auch hier berücksichtigt werden, dass Licht weiterhin Teil des Gerichts bleibt. Seine Emanzipation bedeutet nicht, dass er sich vollständig aus der bestehenden Ordnung löst. Vielmehr nutzt er gerade seine Position innerhalb des Gerichtssystems, um dessen Fehler und insbesondere Adams Fehlverhalten sichtbar zu machen.
Die Szene mit Perücke und Spiegel
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Besonders deutlich wird Hettches Interpretation in der Szene mit Adams Perücke. Die Perücke ist nicht lediglich ein Beweisstück, sondern besitzt auch eine symbolische Bedeutung. Als Richter benötigt Adam sie als Teil seines äußeren Erscheinungsbildes und seiner Amtsautorität. Gleichzeitig wird sie zu einem Gegenstand, der ihn mit dem nächtlichen Geschehen verbindet.
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Hettche beschreibt, wie Licht Adam die Perücke aufsetzt und ihm den „Spiegel der Selbsterkenntnis“ (Z. 24–25) vorhält. Damit wird Adam sinnbildlich mit seiner eigenen Schuld konfrontiert. Das äußere Zeichen seiner richterlichen Autorität wird zugleich zum Zeichen seiner Entlarvung.
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Diese Szene unterstützt Hettches Interpretation besonders stark. Licht bringt nicht bloß ein Beweisstück in den Prozess ein, sondern sorgt dafür, dass Adams Täterschaft sichtbar wird. Die Handlung besitzt somit sowohl eine konkrete kriminalistische als auch eine symbolische Funktion.
Licht als Figur der Aufklärung
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Hettches Einordnung Lichts in die Tradition der Aufklärung lässt sich ebenfalls begründen. Licht übernimmt nicht einfach die Sichtweise seines Vorgesetzten, sondern beginnt zunehmend selbstständig zu denken. Damit löst er sich aus einer zunächst fremdbestimmten Position.
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Hettche beschreibt, Licht befreie sich aus einer durch die Umstände erzwungenen „Unmündigkeit“ (Z. 44–45) und gelange zu selbstbestimmtem Denken und Handeln (vgl. Z. 43–45). Darin lässt sich eine deutliche Nähe zum aufklärerischen Ideal der geistigen Selbstständigkeit erkennen.
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Zudem nutzt Licht seine Erkenntnisse nicht bloß zu seinem eigenen Vorteil. Indem er zur Entlarvung Adams beiträgt, unterstützt er die Wiederherstellung von Wahrheit und Recht. Hettche spricht deshalb davon, dass Licht die Schrift „dem allgemeinen Wohl“ dienend einsetze (Z. 49–51). Diese Deutung passt zu seiner Funktion im Drama, da seine zunehmende Selbstständigkeit letztlich der Aufklärung des Falls zugutekommt.
Licht ist jedoch nicht der alleinige Aufklärer
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Trotzdem sollte Hettches Interpretation nicht uneingeschränkt übernommen werden. Insbesondere die starke Konzentration auf Licht kann dazu führen, die übrigen Figuren und die Struktur des Dramas zu unterschätzen.
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Die Wahrheit entsteht nicht allein aufgrund von Lichts Ermittlungen. Frau Brigitte bringt wichtige Informationen über die Fußspur und die Perücke ein. Eve besitzt das entscheidende Wissen über das nächtliche Geschehen. Gerichtsrat Walter erkennt zunehmend die Unregelmäßigkeiten in Adams Prozessführung und setzt ihn unter Druck. Auch Ruprechts Aussagen und Reaktionen tragen dazu bei, dass sich die Ereignisse rekonstruieren lassen.
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Licht ist daher zwar ein wichtiger Beobachter und Mitwirkender, aber nicht der alleinige Motor der Aufklärung. Hettches Bezeichnung als Detektivfigur ist deshalb sinnvoll, wenn sie als Interpretationsperspektive verstanden wird, darf aber nicht den Eindruck erwecken, Licht löse den Fall unabhängig von den übrigen Figuren.
Licht bleibt Teil des Gerichtssystems
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Auch Hettches Vorstellung einer umfassenden Emanzipation Lichts lässt sich einschränken. Licht gewinnt zwar an Selbstständigkeit, bleibt aber weiterhin Schreiber und damit Bestandteil des Gerichtssystems. Er stellt die Institution des Gerichts nicht grundsätzlich infrage.
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Gerade darin liegt jedoch eine besondere Bedeutung der Figur: Die Kritik entsteht aus dem Inneren des Systems heraus. Licht erkennt die Widersprüche seines Vorgesetzten und nutzt seine Stellung, um zur Aufklärung beizutragen. Er verkörpert somit nicht den völligen Bruch mit der Ordnung, sondern zeigt, dass verantwortungsvolles und selbstständiges Handeln auch innerhalb bestehender Strukturen möglich ist.
Aufklärung gegen institutionelle Macht
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Besonders überzeugend ist Hettches Interpretation schließlich im Hinblick auf den Gegensatz zwischen Erkenntnis und Macht. Adam besitzt zunächst die institutionelle Autorität. Als Richter kann er Fragen stellen, Aussagen lenken und den Prozess beeinflussen. Licht steht ihm als untergeordneter Schreiber gegenüber.
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Im Verlauf des Dramas verschiebt sich dieses Verhältnis jedoch. Während Adam seine Autorität aufgrund seiner Lügen und Widersprüche zunehmend verliert, gewinnt Licht an Wissen und Handlungsmöglichkeiten. Seine Entwicklung vom Objekt zum Subjekt, die Hettche beschreibt (vgl. Z. 16–19), spiegelt somit auch eine Veränderung der Machtverhältnisse wider.
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Adam verwendet seine Stellung und seine Sprache für „obskurantische, egoistische Ziele“ (Z. 49), während Licht seine Erkenntnisse für die Wahrheitsfindung nutzt (vgl. Z. 49–53). Dadurch stehen sich zwei gegensätzliche Prinzipien gegenüber: auf der einen Seite Machtmissbrauch und Verschleierung, auf der anderen Seite vernünftiges Denken, Beobachtung und überprüfbare Schriftlichkeit.
Die symbolische Bedeutung des Namens
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Auch die symbolische Deutung des Namens „Licht“ unterstützt Hettches Ansatz. Am Ende seines Textes erklärt er, die „aufklärende Funktion“ (Z. 53) des Schreibers zeige, dass dieser seinen Namen aufgrund seiner „erhellenden Tätigkeit“ (Z. 54) erhalten habe.
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Diese Deutung passt zum Verlauf des Dramas: Licht bringt zwar nicht allein die Wahrheit hervor, trägt jedoch dazu bei, verborgene Zusammenhänge sichtbar zu machen. Sein Name steht damit im Gegensatz zu Adams Versuchen, das Geschehen zu verdunkeln und zu verschleiern. Die Namenssymbolik verstärkt somit die Gegenüberstellung der beiden Figuren.
Schluss
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Insgesamt ist Hettches Interpretationsansatz weitgehend überzeugend. Licht entwickelt sich tatsächlich von einem zunächst untergeordneten Schreiber zu einer Figur, die zunehmend selbstständig denkt, beobachtet und handelt. Besonders Hettches Beschreibung des Wandels „vom Untergebenen zum denkenden Individuum“ (Z. 16–18) lässt sich am Dramentext nachvollziehen.
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Auch die Deutung Lichts als Detektivfigur, die Betonung des Gegensatzes zwischen Adams manipulativer Sprache und Lichts verantwortungsvollem Umgang mit Sprache und Schrift sowie die Interpretation des „eigne[n] Blatt[s]“ (Z. 46) als Zeichen seiner Emanzipation sind schlüssig. Gleichzeitig sollte die Bedeutung Lichts nicht überhöht werden. Er ist weder der einzige Ermittler noch löst er sich vollständig aus dem Gerichtssystem.
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Gerade in der Kombination dieser Aspekte liegt die Stärke der Figur: Licht bleibt Teil der bestehenden Ordnung, gewinnt innerhalb dieser Ordnung jedoch zunehmend Selbstständigkeit, Erkenntnis und Handlungsmacht. Dadurch wird er zu einer überzeugenden Gegenfigur zu Adam und verkörpert einen aufklärerischen Umgang mit Wahrheit. Hettches abschließende Deutung von Lichts „erhellende[r] Tätigkeit“ (Z. 54) fasst diese Funktion treffend zusammen.