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Inhaltsverzeichnis

Schreiben

Der zweite Prüfungsteil enthält zwei Wahlthemen, aus denen eines von dir ausgewählt und bearbeitet werden muss.

Wahlthema 1

  • Lies bitte zunächst den Text, bevor du die Aufgabe bearbeitest.

  • Schreibe einen zusammenhängenden Text.

Aufgabenstellung

Analysiere den vorliegenden Anfang des Romans Wolf von Saša Stanišić.

Gehe dabei so vor:

  • Schreibe eine Einleitung, in der du Textsorte, Titel, Autor und Erscheinungsjahr benennst sowie das Thema formulierst.

  • Fasse den Inhalt zusammen.

  • Stelle dar, auf welche Weise die Mutter ihren Sohn Kemi vom Aufenthalt im Ferienlager zu überzeugen versucht.

  • Untersuche, wie durch sprachliche Mittel deutlich wird, dass Kemi den Aufenthalt im Ferienlager zunächst ablehnt (mögliche Aspekte: Wortwahl, Satzbau, stilistische Mittel).

  • Erläutere, aus welchen Gründen sich Kemis Einstellung wandelt und mit welchen Gefühlen er ins Ferienlager aufbricht.

  • Verfasse einen kurzen Text aus der Sicht der Mutter nach der Abfahrt Kemis:

    • Welche Gedanken hat sie, als sie noch einmal über die Diskussion mit Kemi im Vorfeld der Abreise nachdenkt?

    • Was denkt sie über Kemis Verhalten und ihre Beziehung zu ihm?

    Schreibe in der Ich-Form und berücksichtige die Informationen, die der Textauszug gibt.

Material

Saša Stanišić: Wolf (Textauszug)

Beim Ich-Erzähler handelt es sich um einen Jungen namens Kemi.

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Mutter und ich machen Salat. Ich liebe
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es, mit Mutter Salat zu machen, wir
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reden dann nur über den Salat. Wir sind
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komplett für den Salat da.
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Heute ist es anders. Heute beginnt
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Mutter ohne Not einen Satz mit „übri-
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gens“. Sätze, die meine Muttermit „übri-
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gens“ beginnt, enden nicht gut für mich.
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„Übrigens“, sagt also meine Mutter
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und schält den Knoblauch, „ich habe
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dich zu einem Ferienlager angemeldet.“
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„Sie belieben wohl zu scherzen?“,
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sage ich in die Gurke wie in ein Mikro
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und halte ihr dann das Gurkenmikro
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hin. „Erste Ferienwoche. Ich krieg da
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nicht frei. Gib mal bitte die Knoblauch-
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presse.“ Ich reiche ihr die Presse und
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beschließe, die Sache ebenfalls ernst zu
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nehmen. „Ich kann doch zu Oma“,
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schlage ich vor.
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„Oma macht Malkurs in Malente.“
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Mutter presst den Knoblauch mit Ge-
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walt in die Soße. „Außerdem: Ein biss-
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chen Natur wird dir guttun.“
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„Natur? Mir? Mama, seit wann ken-
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nen wir uns?“
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„Abende am Lagerfeuer, Fo-
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lienkartoffeln in der Glut?“
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„Rauch in den Augen, die Zunge
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verbrannt? Und bitte. Es gibt doch kein
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traurigeres Feuer als eines, in dem Fol-
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ienkartoffeln braten!“
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„Hör zu“, sagt Mutter und sieht mich
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an. „Es ist nur für eine Woche. Das
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Ferienlager liegt mitten im Wald und –“
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„Im Wald? In den Wald geh ich auf
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keinen Fall.“
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„Fast alle aus deiner Klasse kommen
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mit“, sagt Mutter.
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„Fast alle aus meiner Klasse sind mir
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komplett egal“, sage ich.
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„So eine Woche kann das ja ändern“,
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sagt Mutter.
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„Warum sollte ich das ändern wol-
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len?“, sage ich.
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Aus ihrer Küchenschürze hext Mut-
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ter eine grelle Ferienlager-Broschüre.
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Sie trägt die Überschrift:
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ABENTEUER WALD
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ABENTEUER MENSCH
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Vorne zeigt ein Foto ein paar Hütten
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auf einer Waldlichtung.
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„Guck, wie hübsch die Bäume sind“,
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sagt Mutter.
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„Ich finde Bäume nur als Schrank
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super“, sage ich.
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Mutter wischt sich mit dem Hand-
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gelenk eine Strähne aus dem Gesicht.
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Die Geste macht, dass sie komplett
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müde aussieht.
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Ich seufze und klappe die Broschüre
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auf. Der Waldbroschürenwald sieht
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aus, als hätte jemand gerade durchge-
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saugt, und die Waldbroschürenlichtung,
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als hätte jemand das Gras gekämmt. Ich
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wette, die Hütten auf der Lichtung
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wurden extra sauber geschrubbt für die
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Fotos. Wüsste man nicht, was für
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heimtückische Zeitgenossen Wälder
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sind, könnte man sie wegen solcher
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Broschüren für komplett harmlos
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halten.
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Keine Brennnesseln, kein dorniges
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Dickicht – ich meine, allein schon das
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Wort „Dickicht“!
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Auch Insekten sind nicht zu sehen,
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keine Zecken, keine Mücken. Und
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Mücken, Mücken sind das Letzte. Es
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wurden mal tausend Leute statistisch
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befragt, was sie gern aussterben lassen
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würden, wenn sie es könnten, und jetzt
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rate mal, auf welchem Platz die Mücke
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gelandet ist?
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Richtig.
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Ich gebe Mutter die Broschüre zu-
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rück. „Sorry“, sage ich, „aber das ist
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wirklich nichts für mich.“
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„Sorry“, sagt Mutter, „aber wir dis-
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kutieren das nicht. Olivenöl, bitte.“
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„Entscheidungen, die mich betref-
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fen“, sage ich, „wollten wir doch disku-
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tieren.“
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„Diese Entscheidung betrifft vor
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allem mich“, sagt Mutterleise und mehr
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zur Salatsoße als zu mir.
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„Also: Entweder ist es das Ferien-
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lager oder die Ferienbetreuung an der
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Schule.“
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Das sitzt. Sie weiß, wie komplett ich
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die Ferienbetreuung hasse.
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Mutter schneidet Schnittlauch. „Ich
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habe auch schon Pläne gemacht. Du
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weißt doch, wie das ist, das … alles“,
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fügt sie nun hinzu mit einer Stimme,
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als täte der Lauch ihr leid.
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Ich weiß es, natürlich weiß ich es.
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Seit wir zu zweit sind und alles zu zweit
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wuppen, muss Mutter superviel arbei-
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ten. Ihr bleibt wenig Zeit und Kraft für
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sich.
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Dass sie Pläne gemacht hat, Pläne
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ohne mich, finde ich okay. Mütter sind
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okay. Ist auch echt nicht einfach mit
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mir. Neulich hab ich versucht, ein
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T-Shirt im Toaster zu trocknen.
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„Zeig noch mal“, sage ich und deute
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auf die Broschüre, als könnte es da
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wirklich etwas geben, das mich interes-
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siert.
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Selbstverständlich findet die Abfahrt zu
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einer Uhrzeit statt, wo man alles, was
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nicht Schlafen ist, unter Strafe stellen
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müsste. Treffpunkt ist ein grauer Bus-
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parkplatz am grauen Stadtrand. Ja, es
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wird Bus gefahren, dreihundert Kilo-
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meter Schaukelei in der Atemluft von
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vierzig Gleichaltrigen. Ich hoffe, es gibt
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genug Kotztüten.
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Mutter hatte leider recht. Fast alle in
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meiner Stufe scheinen in den Wald zu
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wollen, was ist nur los mit der Jugend
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von heute? Ausnahme sind Amir, Eset
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und Özlem, die wahrscheinlich schön
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in der Türkei chillen bei Oma und Opa.
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Ein Elternpulk hat sich um eine jun-
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ge Frau mit Dreadlocks und einen jun-
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gen Mann mit Ziegenbart versammelt –
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vermutlich Betreuer, die eine letzte
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Sprechstunde halten. Mutter ist nicht
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dabei und hat sich auch nicht unter die
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anderen Eltern gemischt. Sie lehnt an
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unserem Auto und raucht. Sonst hat oft
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jemand Mitleid mit ihr, so als Allein-
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erziehender, und stellt sich dazu, fragt,
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wie es geht, ob sie was braucht. Mutter
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mag das gar nicht, glaub ich. Jetzt kommt
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niemand. Vielleicht, weil sie raucht?
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Alleinerziehend und alleinrauchend ist
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den Leuten dann doch zu viel.
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Vielleicht raucht Mutter, damit kei-
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ner kommt?
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Ich fänds okay. Und wünsche mir,
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dass doch jemand rübergeht zu ihr.
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Sie hat mich am Fenster entdeckt
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und winkt. Ihre Hand sieht froh aus.
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Weil ich weggehe, denke ich. Komplet-
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ter Quatsch natürlich. Mutter lächelt
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nämlich für mich und nicht für sich. Be-
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haupte ich jetzt einfach als Lächel
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Experte.
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Ich muss schlucken und weiß gar
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nicht, wieso. Weil ich Mutter nicht
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jetzt, aber sicher bald vermisse? Würde
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ich natürlich nie zugeben, du spinnst ja.
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Und winke dann doch zurück.

Aus: Saša Stanišić: Wolf. Hamburg: Carlsen Verlag 2023, S. 11 – 20 (Text gekürzt und adaptiert)

Wahlthema 2

Lies bitte zunächst die Aufgabe und dann die Materialien aufmerksam, bevor du mit dem Schreiben beginnst.

Situation:

Anlässlich des „Welttages des Buches“ befasst sich eine Sonderausgabe der Schülerzeitung, die Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern lesen, mit dem Thema „Bücher lesen in der digitalen Welt“.

Du bist gebeten worden, für diese Ausgabe einen informierenden Text über „BookTok“ zu verfassen. Bei deiner Recherche bist du vorab auf einige Materialien gestoßen, die dir dabei helfen, dich vertieft mit dem Thema zu beschäftigen (M 1 – M 6).

Aufgabenstellung

Verfasse auf der Grundlage der Materialien M 1 bis M 6 einen informierenden Text über das Thema „BookTok“. Schreibe nicht einfach aus den Materialien ab, sondern achte auf eine eigenständige Darstellung in einem zusammenhängenden Text.

Gehe dabei so vor:

  • Formuliere für deinen Text eine passende, zum Lesen anregende Überschrift.

  • Stelle einleitend dar, wer BookTok nutzt und welche Merkmale die auf BookTok besprochenen Bücher aufweisen.

  • Erkläre, was in BookTok-Videos gezeigt wird und wie solche Videos gestaltet werden.

  • Erläutere, wie Buchhandel und Verlage auf den Erfolg von BookTok reagieren und welche Auswirkungen BookTok auf den Verkauf von Büchern hat.

  • Beurteile anhand der Materialien und eigener Überlegungen, inwieweit BookTok für Autorinnen und Autoren sowie Leserinnen und Leser bereichernd sein kann.

M 1a: Tobias Rüther: Die Rückkehr des Lesens

1
Steif geht es auf TikTok nicht zu. Auf dieser Plattform werden das Buch und das
2
Lesen unter den Jüngeren wie eine Party gefeiert. Sie empfehlen sich Bücher, sie zei-
3
gen stolz die vor, die sie schon gelesen haben oder noch lesen wollen, sie schwärmen,
4
sie jubeln, sie teilen ihre Leidenschaft mit allen. Und es werden immer mehr. Das
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Zauberwort heißt „BookTok“. Unter diesem Hashtag versammeln sich nach neues-
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ten Zahlen 29,7 Millionen Beiträge weltweit.
7
Diese neue Lesebegeisterung kommt aus dem Digitalen. Die Realität ist dann ana-
8
log. Die BookTok-Influencer/-innen wedeln jedenfalls nicht mit digitalen Lesegerä-
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ten vor der Kamera herum, sondern mit gebundenen Büchern. Das Buch wird gera-
10
dezu zum Lustobjekt und ein Buch bleibt ein Erkennungsmerkmal seiner Besitzerin
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oder seines Besitzers – beispielsweise auch bei einem neunzehnjährigen jungen
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Mann, der einen Selbsthilfe-Ratgeber liest, der beim jungen Publikum sehr erfolg-
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reich ist. Meist kommen die großen BookTok-Hits aber aus den Sparten Jugendbuch
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oder „New Adult“: Es sind Geschichten vom Erwachsenwerden, von gebrochenen
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und gekitteten Herzen, Geschichten, die nah an der Lebenswelt derjenigen spielen,
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die sie lesen.In den Buchhandlungen sind es laut einer Berliner Buchhändlerin „über-
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wiegend Mädchen und junge Frauen, die vor den BookTok-Regalen stehen bleiben
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und sich gegenseitig Bücher zeigen, die sie gelesen haben und noch lesen wollen“.
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Aber sie erzählt auch von einem Teenager, der seiner überraschten Mutter einen Ro-
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man zeigte, der zu den wichtigsten der vergangenen dreißig Jahre in Amerika gehört.

Aus: Tobias Rüther: Die Rückkehr des Lesens. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.03.2024, S. 1 (Text gekürzt und adaptiert)

M 1b: Kitti Toth: TikTok trifft Literatur: BookTok

1
BookTok ist eine Community auf der Social-Media-Plattform TikTok mit einer gro-
2
ßen Reichweite und enormem Einfluss auf Buchverkäufe und Lesetrends. „2019
3
wurden 250 000 Verkäufe im Zusammenhang mit #BookTok registriert. 2022 wa-
4
ren es bereits 4,7 Millionen verkaufte Bücher“, wie man in einem Fachmagazin der
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Buchbranche nachlesen kann.
6
BookTok ist eine Gemeinschaft aus Menschen, die Bücher lieben oder sich für das
7
Lesen inspirieren lassen wollen. BookToker/-innen erstellen kurze und kreativ ge-
8
staltete Videos, die meistens zwischen 15 und 60 Sekunden lang sind. Diese Videos
9
können Buchzusammenfassungen mit ausführlichen Rezensionen, Lesetipps, Aus-
10
einandersetzungen mit Figuren in Erzähltexten oder unterhaltsame Trends rund um
11
das Lesen beinhalten. Bei den TikToks sind visuelle Effekte, Hintergrundmusik und
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eine persönliche Bindung zu den Büchern von Bedeutung, denn hierdurch sollen die
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Zuschauenden gefesselt und inspiriert werden.
14
BookToker/-innen nutzen themenbezogene Hashtags, um die Sichtbarkeit ihres
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jeweiligen Videos zu erhöhen. Durch diese Hashtags kann man gezielt nach be-
16
stimmten Inhalten suchen. Der Austausch zwischen BookToker/-innen und ihren
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Zuschauenden wird durch die Kommentarfunktion von TikTok gefördert. Somit
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bietet BookTok eine Plattform, auf der sich alle Menschen, die Bücher lieben, vernet-
19
zen können.
20
Die Nutzer und Nutzerinnen sollen durch die Buchrezensionen auf BookTok be-
21
einflusst werden. Wenn ein Buch auf TikTok im Trend ist und die BookToker/-innen
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es weiterempfehlen, wird das Buch aufgrund dieser Empfehlungen gekauft werden.
23
Durch den entstandenen Trend, so erzählt Buchhändlerin Emma, komme es jedoch
24
oft zu Enttäuschungen, da die Erwartungen an die Bücher durch die Videos stark
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hochgeschraubt würden.
26
Auch viele Buchhandlungen schauen sich die Videos auf BookTok an. Sie orien-
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tieren sich daran, was gerade im Trend ist, um zu entscheiden, welche Bücher sie
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verstärkt bestellen sollen. Eine Herausforderung für die Buchhandlungen, so Emma,
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sei die begrenzte Vielfalt der Bücher bei BookTok. Es gebe zwar BookToker/-innen,
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die Bücher aus verschiedenen Genres vorstellen, jedoch seien es oft dieselben Kate-
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gorien. Die häufigsten Genres auf BookTok seien zurzeit Romance, Dark Romance
32
und Romantasy. Romance behandelt romantische Geschichten, Dark Romance inte-
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griert düstere Elemente in die Liebesgeschichte, während Romantasy eine Kombina-
34
tion von Liebe und Fantasy ist. „Es ist nicht schlecht, dass wir immer etwas haben,
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was gut läuft. Aber wir haben auch vieles, was nicht in das BookTok-Genre passt oder
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nie diese Aufmerksamkeit bekommt“, erzählt Emma. Deshalb sei die Aufgabe der
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Buchhandlungen, zu schauen, wie man den Büchern, die nicht auf BookTok im
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Trend sind, ebenfalls Aufmerksamkeit verschafft.
39
Ein gutes Beispiel, wie man das erreicht, zeigt eine große Buchhandelskette in
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Deutschland. Sie veröffentlicht auf ihrem eigenen TikTok-Account unter anderem
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Videos, in denen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus verschiedenen Altersgruppen
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ihre Lieblingsbücher vorstellen. Somit bekommen die Nutzer und Nutzerinnen
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einen großen Überblick über Bücher und Genres, die sonst auf BookTok nicht im
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Trend sind.

Aus: Tiktok trifft Literatur: das Phänomen BookTok, 11.12.2023 (Zugriff: 28.02.2025) (Text gekürzt und adaptiert, Überschrift geändert)

M 1c: Abbildung: BookTok und das Lesen von Literatur

Buchladen mit Lesenden, Schildern 'Romance'/'Klassiker' und Person, die durch großes Smartphone-Display steigt.Buchladen mit Lesenden, Schildern 'Romance'/'Klassiker' und Person, die durch großes Smartphone-Display steigt.

M 2: Isabella Caldart: BookTok: Die Jugend, sie liest noch

1
Buchhandlungen und Verlage lassen die BookTok-Accounts von denjenigen gestal-
2
ten, die TikTok auch privat nutzen. Wie in einer Buchhandlung in Niendorf, deren
3
Konto von einer Auszubildenden betreut wird – ein Konto, dem mehr als 4 000
4
Menschen folgen. Die Buchhandlung ist online so beliebt nicht nur dank des Charmes
5
ihrer Angestellten, die unerschrocken vor der Kamera ihre Buchtipps präsentieren
6
oder für Challenges durch den Laden sausen, sondern auch, weil die Auszubildende
7
weiß, was das junge Publikum auf TikTok will.
8
Denn genau das ist der große Vorteil von BookTok für die Buchbranche: dass die
9
Plattform primär von jungen Menschen genutzt wird. „In meinem Umfeld kennen
10
viele Leute Bücher nur von TikTok“, weiß der 20-jährige Josia Jourdan. Und so kön-
11
nen sie zum Lesen bewegt werden – dort, wo Literaturkritik oder Marketing bisher
12
versagen.
13
TikTok ist aber schon lange keine Plattform für die ganz jungen Leute mehr,
14
immer mehr Menschen aus älteren Generationen nutzen ebenfalls die App. Dieser
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Wandel schlägt sich auch auf BookTok nieder: Bei einer Milliarde aktiver Nutzer und
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Nutzerinnen, die die App inzwischen zählt, ist es wenig überraschend, dass auch die
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Geschmäcker sehr divers sind, denn auch „erwachsenere“ Literatur, vor allem die
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Klassiker, finden immer mehr Einzug. Die Verlage reagieren darauf: Es werden lang-
19
sam mehr Bücher beworben, die nicht in den Young Adult-Bereich fallen. Man müs-
20
se da aber vorsichtig vorgehen, so die Marketing-Leiterin eines Münchner Verlags.
21
Wenn sie sich zu weit vom Geschmack ihres Publikums lösten, schaue sich das nie-
22
mand an. Dass immer mehr große Literaturverlage bei TikTok sind, wertet sie als Zei-
23
chen für einen Wandel in der Buchbranche. Und dass die App vor ein paar Monaten
24
ihre Funktion umgestellt hat und nicht mehr nur ganz aktuelle Videos ausspielt, kann
25
der Buchbranche zum Vorteil dienen.
26
BookTok wird für Verlage und Buchhandlungen als nachhaltiges Marketinginstru-
27
ment eingesetzt, um nicht nur mit Trends zu gehen, sondern langfristig ganz unter-
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schiedliche Bücher auf der Plattform im Gespräch zu halten. „Wir sehen das auch als
29
Möglichkeit zur Literatur-, vor allem zur Klassikervermittlung“, sagt etwa Lena
30
Wehbring-Wolf vom Reclam-Verlag.

Aus: BookTok: Die Jugend, sie liest noch, 19.02.2023 (Zugriff: 28.02.2025) (Text gekürzt und adaptiert)

M 3: Jennifer Heinzel: Wie BookTok die Buch-Welt revolutioniert hat

1
BookTok ist mittlerweile mehr als nur ein kleiner Trend, der bald wieder verschwin-
2
det. Seit Jahren laden immer mehr junge Menschen über diese Plattform Videos von
3
sich ins Netz und zeigen damit ihre Liebe zum Lesen. Sie sprechen über ihre Lieb-
4
lingsbücher, halten die schönsten Cover in die Höhe oder spielen Szenen aus den
5
jeweiligen Büchern nach. Sie geben den Inhalt wieder und vernetzen sich so mit an-
6
deren, die diese Bücher ebenfalls gelesen haben. Und manchmal geht ein solches
7
Video viral. Eine riesige Nachfragewelle entsteht.
8
Auch für unbekannte Neulinge mit dem Traum, einen Bestseller zu schreiben, ist
9
BookTok eine wahre Chance. Eine angehende Autorin, die ebenfalls versucht, ihr
10
Buch auf BookTok zu vermarkten, ist Verena Macziejek. Sie hat weder eine Agentur
11
noch einen Verlag im Rücken. Stattdessen setzt sie bei der Vermarktung nur auf
12
BookTok. „Es bietet mir einfach ein großes Publikum mit Interessierten, von denen
13
ich weiß, dass das meine Zielgruppe ist“, erklärt die angehende Autorin und fügt
14
hinzu: „Es gibt mir auch die Chance, Marketing zu betreiben, ohne dabei ein Budget
15
aufzuwenden. Das ist sehr praktisch.“
16
Auch Verlage und Buchhandlungen haben das Medium bereits für sich entdeckt.
17
Wer auf BookTok landet, kommt nicht darum herum, die Videos mit den Mitarbei-
18
tern und Mitarbeiterinnen einer großen Buchhandelskette zu sehen, den kleinen
19
Stars der deutschen BookTok-Community. Sie zeigen sich bei ihrer alltäglichen Ar-
20
beit, stellen Bücher aus der Buchhandlung vor, sie interviewen Kunden und Kundin
21
nen und produzieren vor Ort Videos zu den neuesten Lese-Trends.
22
Die Social Media-Teamleiterin dieser Buchhandelskette, Carolin Yildiz, äußert
23
sich klar positiv zur Thematik BookTok und sagt: „Das Lesen ist wieder cool gewor-
24
den, junge Menschen halten sich gerne und regelmäßig in den Buchhandlungen auf
25
und teilen innerhalb der Community ihre Begeisterung für Bücher.“ Außerdem be-
26
tont sie, dass BookTok einen maßgeblichen Einfluss auf die gesamte Buchbranche
27
habe, was die Buchhandlung an ihrem alltäglichen Geschäft vor Ort beobachten kann.
28
Das Publikum in den Filialen ist jünger geworden, andere Titel und Inhalte in der
29
Beratung sind gefragt“, erklärt Carolin Yildiz. In fast jedem Buchhandel gibt es mitt-
30
lerweile Aufsteller oder Regale mit Büchern, die den Trends von BookTok gewidmet
31
werden.

Aus: Wie BookTok die Buch-Welt revolutioniert hat, 10.07.2023 (Zugriff: 25.02.2025) (Text gekürzt und adaptiert)

M 4: Leila Herrmann und Eva Pramschüfer: Das Phänomen #booktok: „Es geht einigen einfach nur darum, neue Bücher in die Kamera zu halten“

1
Der Überkonsum und die überzogene Fokussierung auf die Ästhetik bei BookTok
2
sind laut TikTokerin Esra ein Problem. „Manche Leute auf TikTok haben einen Stapel
3
von 800 ungelesenen Büchern. Es geht einigen einfach nur darum, neue Bücher in
4
die Kamera zu halten.“ Esra kritisiert, dass sich BookTok oft von dem wegbewegt,
5
worum es eigentlich gehen soll: dem Lesen. Es werde über Coverfarben und Leseziele
6
gestritten und das Aussehen der Bücher immer mehr in den Vordergrund gerückt.
7
Dass für junge Menschen die Hürde geringer wird, auch die auf TikTok beworbene
8
klassische Weltliteratur von längst verstorbenen Autorinnen und Autoren in die
9
Hand zu nehmen, ist erfreulich. Dennoch betreibt TikTok Agenda-Setting: Es gibt
10
vor, was gekauft und gelesen wird und geht sogar noch einen Schritt weiter – es be-
11
stimmt, was in das Verlagsprogramm aufgenommen wird.
12
„Mir macht es Angst, wenn der Algorithmus über den Bildschirm hinaus in unser
13
reales Leben tritt und wir alle gleich werden“, sagt Vielleserin Jasmine Lichtman.
14
„Man ist entweder Mädchen A, Mädchen B, Mädchen C, je nachdem, was der Algo-
15
rithmus einem vorgibt. So werden alle in gewisser Weise zur gleichen Person“, sagt
16
sie. Für unabhängige kleine Verlage und kleine Buchläden ist es aber sehr wichtig,
17
dass Leser und Leserinnen sich nicht nur von BookTok beeinflussen lassen, da sonst
18
die großen Verlage und Autoren und Autorinnen immer größer und die kleinen voll-
19
ends unsichtbar werden.

Aus: „Es geht einigen einfach nur darum, neue Bücher in die Kamera zu halten“, 19.02.2024 (Zugriff: 25.02.2025) (Text gekürzt und adaptiert)

M 5: Henning Jauernig: Schreien, wimmern, Bücher kaufen

1
Auf TikTok laden Leserinnen Videos hoch, in denen sie ihre Gefühlsachterbahn bei
2
der Lektüre inszenieren: schreien, wimmern, schluchzen. Andere Formate kommen
3
etwas näher an das heran, was traditionelle Literaturkritiker/-innen unter einer Re-
4
zension verstehen. In ruhigeren BookTok-Videos erstellen junge Frauen Rankings
5
ihrer liebsten Reihen oder zeigen Bände, in denen sie mit bunten Klebezettelchen
6
Lieblingsstellen markiert haben. Keine Werbekampagne könnte das Produkt ‚Buch‘
7
emotionaler in Szene setzen. Ausgerechnet die Videoschnipsel-Plattform TikTok, die
8
dafür verschrien ist, die Aufmerksamkeitsspanne jüngerer Menschen zu verkürzen,
9
beschert dem Buch eine rasende Nachfrage.
10
Die Kundinnen shoppen die Bücher meist vollkommen analog im Laden. Aus
11
Sicht der Verlage und Buchhandlungen gestaltet sich die Sache so: Zwar wird auf
12
BookTok nur selten anspruchsvollere Literatur besprochen. Doch etwas Grundsätz-
13
liches ist erreicht: Die jungen Menschen lesen wieder, auch mehrere Hundert Seiten
14
am Stück.
15
Einige Verlage stehen in engem Austausch mit der BookTok-Community und lie-
16
fern, was sich die Kunden und Kundinnen wünschen. Kürzlich beispielsweise einen
17
Ratgeber, der erklärt, wie man selbst ein Buch schreibt. Besonders angesagt: Farbschnit-
18
te, also Bücher mit bemalten Schnittkanten. Um den Inhalt geht es dabei weniger.
19
Manchmal kann der Trend selbstzerstörerisch für die Verlage werden. An auf
20
BookTok erfolgreiche Autoren und Autorinnen werden immer höhere garantierte
21
Honorare gezahlt, heißt es von Insidern. Auch mit BookTok bleibt das Verlags-
22
geschäft aber großen Unsicherheiten unterworfen. Die exakten Algorithmen von
23
TikTok sind schwer zu durchschauen. Und es ist kaum vorherzusehen, welcher Titel
24
als nächster zum Hype werden wird. Und so passiert es, dass deutsche Verlage
25
Bücher einkaufen, die in den USA durch BookTok sehr erfolgreich waren – und hier-
26
zulande zum Flop werden.

Aus: Schreien, wimmern, Bücher kaufen, 07.05.2024 (Zugriff: 25.02.2025) (Text gekürzt und adaptiert)

M 6: Jonas Kühlberg: BookTok: Wie die App TikTok den Buchmarkt erobert

1
In der Hamburger Filiale einer großen Buchhandelskette ist einiges los. Die Nach-
2
frage bei jungen Leserinnen und Lesern nach Büchern, die auf TikTok im Trend sind,
3
sei so stark, so die Filialleiterin Christine Berndt, dass eben nun eine eigene Ecke im
4
Geschäft dafür herhalten muss. In den Regalen findet sich besonders viel englisch-
5
sprachige Literatur. Die Buchrücken sind auffällig und aufwendig gestaltet, die Kan-
6
ten in bunten Farben, einige sogar goldverziert.
7
Christine Berndt zeigt auf einen Kassenschlager, der derzeit gut funktioniert: „Das
8
ist ‚Atlas Paradox‘ von Olivier Blake. Das ist eine Fantasy-Trilogie und wird zum Bei-
9
spiel nicht nur von jungen Frauen, sondern auch von Männern gerne gelesen.“
10
Auch interessant, findet Christine Berndt: Trotz der neuen BookTok-Ecke schätz-
11
ten viele junge Leute weiterhin das gemeinsame Gespräch mit dem Verkaufspersonal
12
in der Filiale. So ganz möchten sich die jungen Leser und Leserinnen wohl dann doch
13
nicht auf die Empfehlungen der TikToker verlassen. Für Christine Berndt und ihre
14
Kolleginnen und Kollegen heißt das: viel lesen!

Quelle: Jonas Kühlberg: BookTok: Wie die App TikTok den Buchmarkt erobert, 21. 08. 2023 (Text gekürzt und adaptiert)

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