Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Flucht und Neuanfang

Ankunft in einem fremden Land

Aeneas ist nach einem Seesturm mit einem Teil seiner Mannschaft an die Küste Nordafrikas verschlagen worden. Als er herausfinden möchte, wo sie sich befinden, tritt ihm Venus in Gestalt einer Jägerin entgegen und verwickelt ihn in ein Gespräch. Aeneas erkennt seine Mutter nicht, und Venus gibt sich auch nicht zu erkennen. Sie erklärt ihm, dass er sich im Herrschaftsgebiet der Königin Dido befinde. Diese sei kürzlich zusammen mit ihren Gefolgsleuten aus ihrer Heimatstadt Tyrus geflohen. Nun habe Dido von dem Gold, das sie aus ihrer Heimat mitnehmen konnte, Land gekauft und errichte gerade eine neue Heimat, die Stadt Karthago.

Die „Jägerin“ fragt, woher er und seine Gefährten gekommen seien und wohin sie wollten. Daraufhin erzählt Aeneas:

1
„Sum pius Aeneas, raptos1 qui ex1 hoste penates
2
classe veho mecum, fama super2 aethera notus.
3
Italiam quaero patriam et genus3 ab Iove summo.
4
Bis denis4 Phrygium5 conscendi6 navibus aequor5.
5
Matre7 dea monstrante viam data8 fata secutus8.
6
Vix septem9 convulsae9 undis Euro9 que supersunt.
7
Ipse ignotus, egens Libyae deserta10 peragro,
8
Europa11 atque Asia pulsus." Nec12 plura querentem
9
passa12 Venus. Medio sic interfata13 dolore est13:
10
„Quisquis es, haud14, credo, invisus14 caelestibus auras
11
vitales carpis15, Tyriam16 qui adveneris17 urbem16.
12
Perge modo atque hinc te reginae ad limina perfer! [...]"

Aeneas folgt dem göttlichen Rat: Er zieht los, um Dido aufzusuchen.

Unterwegs erblickt er von einem Hügel herab die eifrige Bautätigkeit in der

neu entstehenden Stadt Karthago:
13
Miratur molem18 Aeneas, mapalia quondam,
14
miratur portas strepitumque et strata19 viarum.
15
Instant20 ardentes Tyrii21: Pars ducere22 muros
16
moliri22 que arcem et manibus subvolvere22 saxa,
17
pars optare22 locum tecto et concludere22 sulco.
18
Iura23 magistratusque legunt23 sanctumque senatum.
19
Hic portus alii effodiunt. Hic alta theatris
20
fundamenta locant alii, immanes columnas
21
rupibus excidunt. [.]
22
„O fortunati, quorum iam moenia surgunt!",
23
Aeneas ait et fastigia suspicit urbis.

Aeneas geht weiter und betritt die Stadt. Er erblickt einen neu erbauten

Tempel der Juno, dessen Wände mit einer Abfolge von Darstellungen des

Trojanischen Krieges verziert sind.
24
Miratur. Videt Iliacas ex24 ordine pugnas
25
bellaque iam fama totum vulgata per orbem,
26
Atridas25 Priamumque et saevum26 ambobus Achillem.
27
Constitit et lacrimans „Quis27 iam locus27'", inquit, [...]
28
„quae28 regio in terris nostri non plena laboris?"

Umfang des lateinischen Textes: 186 Wörter

1 Ordne: qui penates ex hoste raptos classe mecum veho | ex hoste raptus vor dem Feind gerettet

2 super aethera bis zum Himmel hinauf

3 genus ab mit Ablativ die von … versprochene Nachkommenschaft

4 bis deni zwanzig

5 Phrygium … aequor (Akk.) das phrygische Meer

6 conscendere hier: befahren

7 Ordne: Matre dea viam monstrante | mater dea meine Mutter, die Göttin

8 Ergänze: data fata secutus sum | datus hier: verkündet

9 Ordne und ergänze: septem naves undis Euroque convulsae | Eurus Ostwind | convulsae leck geschlagen

10 deserta (Pl.) Wüste (Sg.)

11 Ergänze: ex Europa atque Asia

12 Ordne und ergänze: Nec Venus filium querentem plura passa est. | nec plura pati nicht länger ertragen können

13 interfari unterbrechen

14 haud invisus caelestibus von den Göttern nicht gehasst

15 carpere hier: atmen

16 Tyriam … urbem (Gemeint ist Karthago.)

17 adveneris ~ advenisti

18 moles (Sg.) Steinbauten (Pl.)

19 strata viarum gepflasterte Straßen

20 instare ardentes eifrig tätig sein

21 Tyrii Karthager

22 ducere … moliri … subvolvere … optare … concludere ~ ducit … molitur … subvolvit … optat … concludit | ducere hier: erbauen | optare mit Dativ hier: aussuchen für | concludere sulco Grundstücksgrenzen ziehen

23 iura … legere Gesetze benennen

24 ex ordine der Reihe nach

25 Atridas (Akkusativ Pl.) die Atriden (Gemeint sind die beiden griechischen Anführer.)

26 saevus mit Dativ zornig auf (Der griechische Kriegsheld Achill zürnt sowohl seinen eigenen Anführern als auch dem trojanischen König Priamus.)

27 Quis … locus Welcher Ort

28 Ordne und ergänze: quae regio in terris non plena nostri laboris est

Aufgabenstellung

I. Übersetze den Text in angemessenes Deutsch.

II. Löse die folgenden Aufgaben

1.
a.

Bestimme die Form und benenne die Funktion des Kasus von fama (V. 25).

b.

Benenne und erkläre die Konstruktion matre dea monstrante viam (V. 5).

10 %

2.

Fertige eine metrische Analyse der Verse 1 und 2 an (Längen und Kürzen). Benenne auch die auftretende metrische Besonderheit.

Weißer Hintergrund mit zwei Zeilen lateinischen Textes.Weißer Hintergrund mit zwei Zeilen lateinischen Textes.
10 %

3.

Untersuche, inwiefern die Themen Flucht und Neuanfang im vorliegenden Übersetzungstext eine Rolle spielen.

20 %

4.

Wähle aus dem Text zwei verschiedene Stilmittel aus. Benenne sie und erläutere ihre Wirkung an der jeweiligen Textstelle.

15 %

5.

Der in Pakistan geborene Autor Mohsin Hamid hat in seinem Roman Exit West (2017) eine realistische Geschichte über eine Flucht mit märchenhaften Elementen versehen:

Das junge Liebespaar Saeed und Nadia lebt in einem nicht näher benannten muslimischen Land, in dem Bürgerkrieg herrscht. Saeeds Mutter ist in diesem Krieg bereits getötet worden. Nun bietet sich für das Paar und Saeeds Vater eine Möglichkeit, der zunehmenden Gewalt zu entkommen. Gegen Bezahlung können sie eine magische Tür nutzen, durch die man direkt in Länder der westlichen Welt reisen kann. In welches Land man gelangt, unterliegt dem Zufall. Doch der Vater weigert sich mitzukommen. Jetzt versuchen die beiden jungen Leute ihn zur Flucht zu bewegen.

1
(…) und Saeeds Vater hörte ihnen ruhig zu, ließ sich
2
jedoch nicht umstimmen: Sie, wiederholte er, müssten
3
gehen, und er müsse bleiben. Saeed drohte damit, sich
4
seinen Vater wenn nötig über die Schulter zu werfen und
5
ihn so zur Abreise zu zwingen, und er hatte noch nie so
6
mit ihm gesprochen, und sein Vater nahm ihn beiseite,
7
denn er konnte sehen, wie sehr er seinen Sohn
8
marterte29, und als Saeed fragte, warum sein Vater das
9
tue, warum um alles in der Welt er bleiben wolle, sagte
10
dieser: „Weil deine Mutter hier ist.“
11
Saeed sagte: „Mutter ist tot.“
12
Sein Vater sagte: „Nicht für mich.“
13
Und das stimmte auch auf eine Art, Saeeds Mutter war
14
nicht von Saeeds Vater gegangen, nicht gänzlich
15
jedenfalls, und es wäre ihm schwergefallen, den Ort zu
16
verlassen, wo er sein ganzes Leben mit ihr verbracht
17
hatte, und nicht mehr täglich ihr Grab besuchen zu
18
können, und das wollte er nicht, er zog es vor, in
19
gewissem Sinn in der Vergangenheit zu verharren, denn
20
die Vergangenheit hatte ihm mehr zu bieten als die
21
Gegenwart.
22
Doch Saeeds Vater dachte auch an die Zukunft,
23
wenngleich er seine Gedanken bei sich behielt, fürchtete
24
er doch, dass Saeed andernfalls nicht gehen würde, und
25
er wusste, dass sein Sohn unbedingt gehen musste (…).

29 martern = quälen

Letztendlich beugen sich Saeed und Nadia dem Wunsch von Saeeds Vater und treten allein die Flucht an. Der Vater stirbt einige Zeit später.

Vergleiche die im Romanauszug geschilderte Fluchtsituation von Saeed und seiner Familie mit der Situation des Aeneas bei Vergil.

Beziehe dich dabei auf den vorliegenden Übersetzungstext und weitere dir bekannte Inhalte der Aeneis.

25 %

6.

Der Verleger Rudolf Henneböhl äußert sich folgendermaßen über Vergil:

1
Vergil war sicherlich [...] kein Widerstandskämpfer,
2
und doch hat ihn die Frage nach den Ursachen des
3
Krieges und nach den Möglichkeiten, den
4
Wahnsinn des Krieges einzudämmen, innerlich
5
beschäftigt. Im Gegensatz zu vielen anderen hat er
6
[...] einen Blick für die Opfer und für die Leiden, die
7
der Krieg verursacht.

Nimm Stellung zu den Aussagen dieses Zitats.

20 %

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!

monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?

SchulLV