Redekunst als Waffe
Lasst uns den Staat von der Bestie befreien!
Anfang Januar 43 v. Chr. belagert Antonius die Stadt Mutina in der Provinz Gallia Cisalpina. Er erhebt Anspruch auf diese Provinz, die immer noch von D. Brutus verwaltet wird.
Gerade sind Gesandte des römischen Senats aufgebrochen, um eine friedliche Lösung anzustreben. Sie wollen Antonius dazu veranlassen, dass er mit seinem Heer die Provinz über den Grenzfluss Rubikon verlässt und dass er sich der Herrschaft des römischen Senats und Volkes unterordnet.
Bei einer Senatssitzung in Rom unter der Leitung des Konsuls Pansa legt Cicero dar, dass man unabhängig von den Ergebnissen der Gesandtschaft entschlossen gegen Antonius vorgehen müsse:
1 agere hier: aushandeln
2 oratio (Gemeint ist eine mögliche Rede des Antonius.)
3 aequitas Fairness
4 Ordne und ergänze: Oportet, ut Antonius omnia fecerit
5 interdicere befehlen
6 denuntiare verordnen
7 Ergänze am Satzanfang: Oportet, ut Antonius
8 desistere aufhören
9 adeundi … potestatem facere die Möglichkeit geben, … zu gehen
10 propius (mit Akkusativ) milia passuum ducenta näher als 200 Meilen an
11 in potestate esse sich unter die Herrschaft begeben
12 integer esse freistehen
13 potestas hier: Möglichkeit
14 agi (Passiv) hier: auf dem Spiel stehen
15 Ergänze: vita et fortunae … aguntur14
16 optimi cuiusque gerade der besten Männer (Genitiv)
17 quo … intendere darauf richten
18 Ergänze: Auctoritas vestra agitur14
19 nullam hier: überhaupt nicht mehr
20 Ordne: Cavete, ne taetram et pestiferam beluam inclusam et constrictam dimittatis! | dimittere hier: entkommen lassen
21 Ordne: ne patiare (= patiaris) hunc tuum tantum tamque praeclarum apparatum ad nihilum recidere | apparatus Aufwand an Vorbereitungen | ad nihilum recidere sich in nichts auflösen
22 tempus hier: günstige Zeitumstände
23 in perpetuum für immer
Aufgabenstellung
I. Übersetze den Text in angemessenes Deutsch.
II. Löse die folgenden Aufgaben.
Bestimme die Formen deliberandi (Z. 13) und inclusam (Z. 21).
Bestimme die Form und benenne die Funktion des Kasus von periculo (Z. 27).
Bestimme die Form und erkläre die Funktion des Modus von fallamur (Z. 4).
Arbeite aus dem vorliegenden Übersetzungstext heraus, wie der Senat und Pansa aus Ciceros Sicht mit Antonius umgehen sollten.
Wähle aus dem Text zwei verschiedene Stilmittel aus. Benenne sie und erläutere ihre Wirkung an der jeweiligen Textstelle.
Am 11. September 2001 verübte das islamistische Terror-Netzwerk Al-Qaida mehrere terroristische Anschläge auf die USA. Neun Tage später wandte sich daraufhin der amerikanische Präsident George W. Bush mit einer Rede an den amerikanischen Kongress und das amerikanische Volk:
Vergleiche die Bush-Rede mit dem vorliegenden Cicero-Text in Bezug auf Sprechsituation, rhetorische Strategien und Inhalte.
Der Cicero-Experte Wilfried Olbrich beurteilt Ciceros Handeln in den Philippischen Reden folgendermaßen:
Nimm Stellung zu den Aussagen dieses Zitats.
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Worauf zielt diese ganze Rede ab? Denn was die Gesandten ausgehandelt haben, wissen wir noch nicht. Aber wir müssen in unserem Geist bereits wachgerüttelt, aufgerichtet, bereit und gewappnet sein, damit wir nicht durch schmeichelhafte oder flehentliche Worte oder durch vorgespielte Fairness getäuscht werden.
Antonius muss zunächst alles ausgeführt haben, was befohlen und angeordnet worden ist, bevor er irgendetwas fordert:
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Er muss damit aufgehört haben, Brutus und sein Heer anzugreifen sowie die Städte und Felder der Provinz Gallien zu verwüsten.
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Er muss den Gesandten die Möglichkeit gegeben haben, zu Brutus zu gelangen.
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Er muss sein Heer auf diese Seite des Flusses Rubikon zurückgeführt und es nicht näher als 200 Meilen an die Stadt herangeführt haben.
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Er muss sich sowohl unter die Herrschaft des Senats als auch die des römischen Volkes begeben haben.
Wenn er dies erfüllt hat, wird uns die Möglichkeit freistehen, zu entscheiden. Wenn er dem Senat nicht gehorcht, wird nicht der Senat ihm, sondern er dem römischen Volk den Krieg erklärt haben.
Ich aber ermahne euch, versammelte Senatoren:
Die Freiheit des römischen Volkes, die euch anvertraut ist, steht auf dem Spiel; das Leben und das Hab und Gut gerade der besten Männer stehen auf dem Spiel. Darauf richtet Antonius schon längst seine grenzenlose Gier mit ungeheurer Grausamkeit. Euer Ansehen steht auf dem Spiel, und ihr werdet es überhaupt nicht mehr haben, wenn ihr es jetzt nicht bewahrt.
Hütet euch, dass ihr nicht ein abscheuliches und verderbenbringendes Ungeheuer entkommen lasst, das bereits eingeschlossen und gefesselt ist!
Dich selbst, Pansa, ermahne ich […], dass du nicht zulässt, dass sich dein so umfangreicher und so hervorragender Aufwand an Vorbereitungen ins Nichts auflöst. Du hast derart günstige Zeitumstände, wie sie noch niemand jemals hatte. Durch diese Entschlossenheit des Senats, diesen Eifer des Ritterstandes und diese Begeisterung des römischen Volkes kannst du den Staat für immer von Furcht und Gefahr befreien.
II. Aufgaben lösen
deliberandi: Gerundium von deliberare im Gen. Sg.
inclusam: PPP von includere im Akk. Sg. f.
periculo: Abl. Sg. n. von periculum / Ablativus separativus
fallamur: 1. Pl. Konj. Präs. Pass. von fallere / Konjunktiv im finalen Nebensatz, da die Subjunktion ne den Konjunktiv verlangt.
Einleitung:
Cicero legt im vorliegenden Übersetzungstext dar, wie der römische Senat und der Konsul Pansa seiner Meinung nach mit Antonius umgehen sollten.
Ergebnisse:
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Cicero appelliert an die Senatoren, in der aktuellen Situation der Unkenntnis über Ergebnisse der Gesandtschaft äußerst aufmerksam und gewappnet gegen mögliche verbale Täuschungsmanöver des Antonius zu sein (Z. 2 ff.: excitati, erecti, parati, armati animis iam esse debemus, ne blanda aut supplici oratione aut aequitatis simulatione fallamur).
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In der Erwartung, Antonius werde Forderungen stellen, postuliert Cicero, dass der Senat diesem keinesfalls nachgeben dürfe, sondern auf der Umsetzung aller vereinbarten Forderungen bestehen müsse (Z. 5 f.: Omnia fecerit oportet, quae interdicta et denuntiata sunt, priusquam aliquid postulet).
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So müsse Antonius aufhören, Brutus und seine Truppen in Gallia Cisalpina zu belagern und dort Städte und Felder zu verwüsten (Z. 7 f.: Brutum exercitumque eius oppugnare, urbes et agros provinciae Galliae populari destiterit).
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Ferner müsse Antonius den Gesandten Zugang zu Brutus ermöglichen (Z. 9: Ad Brutum adeundi legatis potestatem fecerit).
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Auch müsse Antonius sein Heer auf das diesseitige Ufer des Grenzflusses Rubikon zurückbringen, ohne mit diesem aber näher als 200 Meilen an die Stadt Rom heranzukommen (Z. 10 f.: Exercitum citra flumen Rubiconem eduxerit nec propius urbem milia passuum ducenta admoverit).
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Zuletzt müsse Antonius sich der Gewalt des Senats und des römischen Volkes unterwerfen (Z. 12: Fuerit et in senatus et in populi Romani potestate).
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Erst wenn auch das der Fall sei, solle der Senat Antonius zugestehen, selbst Forderungen zu stellen (Z. 6: priusquam aliquid postulet). Ob der Senat auf diese dann eingehe, liege in seinem Ermessen (Z. 13: erit integra potestas nobis deliberandi). Die Entscheidungsgewalt müsse folglich auch nach Erfüllung aller Forderungen in der Hand des Senats bleiben.
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Sollte Antonius jedoch die Forderungen des Senats nicht erfüllt haben, sei das eindeutig als Kriegserklärung zu verstehen (Z. 13 ff.: Si senatui non paruerit, … ille populo Romano bellum indixerit). Unterschwellig fordert Cicero hier den Senat dazu auf, eine solche potenzielle Kriegserklärung anzunehmen und entsprechend mit kriegerischen Maßnahmen zu reagieren.
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Cicero appelliert außerdem eindringlich an die Senatoren, gegen Antonius energisch die ihnen anvertraute Freiheit des römischen Volkes zu verteidigen (Z. 17: Libertas agitur populi Romani, quae est commendata vobis), ferner das Leben und den Besitz der rechtschaffensten Mitbürger (Z. 18: vita et fortunae optimi cuiusque) sowie ihr eigenes Ansehen (Z. 20: Auctoritas vestra).
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Sie sollten sich hüten, Antonius entkommen zu lassen, nachdem er erst einmal unter Kontrolle gebracht worden sei (Z. 21 f.: … beluam ne inclusam et constrictam dimittatis, cavete!).
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Abschließend richtet Cicero an den Konsul Pansa die Aufforderung, konsequent zu bleiben und nicht den schon betriebenen Aufwand zunichtewerden zu lassen (Z. 23 f.: Te ipsum, Pansa, moneo […], hunc tantum tuum apparatum … ne ad nihilum recidere patiare).
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Er ermahnt Pansa, die Vorteile, die er auf seiner Seite habe, nämlich die günstigen zeitlichen Umstände (Z. 24: Tempus), zu nutzen, um die Ziele des Senats gegen Antonius konsequent durchzusetzen.
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Auch solle er als Unterstützung gegen Antonius die zur Verfügung stehenden Kräfte nutzen: das Gewicht des Senats (Z. 25: Hac gravitate senatus), die Bemühungen des Ritterstandes (Z. 26: hoc studio equestris ordinis) und die Begeisterung des römischen Volkes (Z. 26: hoc ardore populi Romani).
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Es liege somit an Pansa, das entscheidende Ziel durchzusetzen, nämlich den Staat für immer von Furcht und Gefahr, das heißt von Antonius zu befreien (Z. 26 f.: potes in perpetuum rem publicam metu et periculo liberare).
Fazit:
Cicero verdeutlicht in seiner Rede, dass es keinerlei Zugeständnisse gegenüber Antonius geben dürfe und dass die vom Senat geforderten Bedingungen uneingeschränkt durchgesetzt werden müssten. Sollte Antonius diese nicht erfüllen, müsse ein Krieg in Kauf genommen werden, für den dieser selbst dann die Verantwortung trage.
Cicero appelliert außerdem an den Kampf für den zentralen Wert der römischen Republik, die libertas. Er weist die anwesenden Senatoren und insbesondere Pansa als Konsul auf ihre Verantwortung hin, diese Freiheit gegen Antonius zu verteidigen.
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Metapher: Taetram et pestiferam beluam … inclusam et constrictam (Z. 21)
An dieser Stelle horcht die Zuhörerschaft auf, da Cicero von Antonius das Bild eines eingeschlossenen und gefesselten Untieres zeichnet, das man auf keinen Fall entkommen lassen dürfe.
Durch diesen bildhaften Vergleich verdeutlicht er auf plakative Weise zum einen die Rolle, die Antonius seiner Meinung nach einnimmt, und zum anderen die Situation, in der dieser sich befindet: Antonius sei als abscheuliches und unheilbringendes Monstrum (Taetram et pestiferam beluam) anzusehen, das für den römischen Staat eine enorme Bedrohung darstelle. Diese Bestie befinde sich allerdings noch unter Kontrolle, da sie eingeschlossen und gefesselt sei (inclusam et constrictam).
Cicero sendet mit Hilfe dieser Metapher eine klare Botschaft aus: Indem er die Gefahr, die von dem Ungeheuer Antonius ausgeht, verdeutlicht und zusätzlich den Eindruck erweckt, dass dieser bereits nahezu unschädlich gemacht worden sei, hebt er die Notwendigkeit hervor, keinen Deut der gewonnenen Kontrolle wieder abzugeben und weiterhin konsequent gegen diesen vorzugehen.
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Asyndeton: Hac gravitate senatus, hoc studio equestris ordinis, hoc ardore populi Romani (Z. 25 f.)
Diese Textstelle erregt die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft, da Cicero hier die drei Glieder einer Aufzählung unverbunden nebeneinanderstellt.
Er rückt damit nicht die einzelnen Glieder der Aufzählung, die gewichtige Rolle des Senats (gravitate senatus), das Bemühen des Ritterstandes (studio equestris ordinis) und die Begeisterung des Volkes (ardore populi Romani) in den Fokus, sondern stellt die drei genannten zentralen Instanzen des römischen Staates als geschlossene Einheit dar.
Indem Cicero dem anwesenden Konsul Pansa vor Augen führt, dass dieser sich im Kampf gegen Antonius der geschlossenen Unterstützung von Senat, Ritterstand und Volk sicher sein könne, will er ihn davon überzeugen, sich entschieden für die Freiheit des Staates und gegen Antonius einzusetzen.
Einleitung:
Die vorliegenden Reden stammen aus unterschiedlichen Zeiten und Kontexten, thematisieren aber beide den Umgang mit einer akuten Krisensituation des Staates. Während George W. Bush in seiner Rede vom 20. September 2001 Fakten und Konsequenzen des Terroranschlags vom 11. September in den Blick nimmt, geht es in Ciceros Philippischer Rede vom Anfang Januar 43 v. Chr. darum, wie der Senat und der Konsul Pansa im Bürgerkrieg mit dem in der Provinz Gallia Cisalpina verschanzten Antonius umgehen sollen.
Im Folgenden werden beide Reden in Bezug auf ihre Sprechsituation, verwendete rhetorische Strategien und Inhalte miteinander verglichen.
Ergebnisse:
Sprechsituation:
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Status des Redners: In beiden Reden spricht ein führender Politiker. Während George W. Bush jedoch als amerikanischer Präsident aufgrund seines Amtes über besondere Machtbefugnisse verfügt, kann Cicero als ein Senator unter vielen nur auf sein besonderes Ansehen und seine Redekunst zurückgreifen.
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Adressaten: Bush hält seine Rede vor dem amerikanischen Kongress und vor dem amerikanischen Volk. Cicero spricht hingegen vor dem römischen Senat in Anwesenheit des Konsuls Pansa, nicht jedoch vor dem römischen Volk.
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Zeitpunkt der Rede: In der Bush-Rede ist die Katastrophe in Gestalt eines terroristischen Angriffs auf die USA bereits neun Tage zuvor eingetreten (Z. 15 f.: Am 11. September haben Feinde der Freiheit eine kriegerische Handlung gegen unser Land begangen). Cicero hingegen versucht in dem vorliegenden Redeausschnitt, eine anstehende Katastrophe für den römischen Staat durch Antonius, den Feind der Republik, noch rechtzeitig abzuwenden (Vgl. Z. 13 ff., Z. 17–22, Z. 23 f.).
Rhetorische Strategien:
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Direkte Anrede: Bush spricht seine Zuhörerschaft gleich zu Beginn des vorliegenden Redeauszugs direkt an (Z. 1: Liebe Mitbürger), um zu erwirken, dass sie sich persönlich beteiligt und zur Mitwirkung aufgerufen fühlt. Auch Cicero wendet sich direkt an seine Zuhörer, zunächst an alle Senatoren (Z. 16–22), dann gesondert an den Konsul Pansa (Z. 23–27).
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Lob der Adressaten: Bush zeigt sich beeindruckt von den Leistungen seiner Zuhörer, wenn er dem Kongress für seine Führungsstärke dankt (Z. 10 f.). Er stellt damit heraus, dass das entscheidende Staatsorgan in der Krise hervorragend funktioniere und agiere. Ebenfalls lobt er den Zusammenhalt der Republikaner und Demokraten in der Krise (vgl. Z. 11–14). Auch Cicero lobt den anwesenden Konsul Pansa für die ausgezeichneten Vorbereitungen, die dieser bereits getroffen habe (Z. 23 f.: hunc tantum tuum apparatum tamque praeclarum). Das Ziel des Lobes besteht jeweils darin, die Angesprochenen anzuspornen, den bisherigen Kurs beizubehalten.
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Beruhigung der Zuhörerschaft: Bush entfaltet gleich zu Beginn seiner Rede einen beruhigenden Gedanken, der die Zuhörerschaft mit Zuversicht und Sicherheit erfüllen soll, denn er bezeichnet die Lage seiner Nation als gut (Z. 2 f.). Cicero vermittelt ebenfalls, jedoch am Ende des vorliegenden Übersetzungstextes, den Eindruck von Zuversicht und Sicherheit, indem er betont, dass Pansa - gerade angesichts der außerordentlich günstigen Zeitumstände (Z. 24 f.: Tempus habes tale, quale nemo habuit umquam) - den Staat für immer (Z. 26 f.: in perpetuum) retten könne.
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Erzeugung eines Wir-Gefühls: Der amerikanische Präsident Bush erzeugt ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Einheit, indem er in der Wir-Form spricht, die alle amerikanischen Bürgerinnen und Bürger umfassen soll (Z. 2: die Lage unserer Nation; Z. 3: Heute Abend sind wir ein Land; Z. 5: Unser Schmerz; Z. 6 und 7: unsere Feinde; Z. 16: unser Land). Auch Cicero versucht ein solches Wir-Gefühl zu erzeugen, wenn er zu Beginn des Rede-Auszugs in der 1. Person Plural formuliert (Z. 2: nondum scimus; Z. 2 ff.: excitati … esse debemus, ne … fallamur). Die Zuhörerschaft soll verinnerlichen, dass nicht einzelne Teile des Staates, sondern alle gemeinsam von der Bedrohung betroffen sind.
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Erzeugung des Eindrucks von Geschlossenheit: Beide Redner erzeugen den Eindruck, dass sie und die ihnen zugehörigen Instanzen eine geschlossene Linie gegen den Feind bilden. Bush betont, dass die Parteien der Republikaner und der Demokraten, die sich normalerweise in Opposition zueinander befinden, in der aktuellen Krisensituation gemeinsam und einig in der Öffentlichkeit für ihr Land und damit gegen die Terroristen aufgetreten seien (Z. 11–14: als man … Republikaner und Demokraten gemeinsam auf den Stufen dieses Kapitols stehen und „God bless America“ singen sah). Cicero stellt Senat, Ritterstand und römisches Volk als geschlossene Front dar, die gemeinsam den Staat vor dem Feind Antonius retten könne (Z. 25 ff.: Hac gravitate senatus, hoc studio equestris ordinis, hoc ardore populi Romani potes … rem publicam … liberare). Ziel beider Redner ist es, die Zuhörerschaft davon zu überzeugen, dass ein einvernehmliches Handeln nötig ist und dass darüber hinaus vorhandene gegensätzliche Überzeugungen zunächst hintanzustellen sind.
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Frage-Antwort-Struktur: Sowohl Bush als auch Cicero werfen selbst eine Frage auf, die sie im Folgenden beantworten. Mit dieser Struktur suggerieren sie Klarheit und Kompetenz. Bush formuliert die Frage Wer hat unser Land angegriffen? (Z. 17), die er selbst anschließend beantwortet (Z. 17–27). Cicero fragt gleich zu Beginn des vorliegenden Redeauszugs, was seine Rede bezwecken wolle (Z. 1: Quorsum haec omnis spectat oratio?), um daraufhin zusammenfassend darzulegen, wie seiner Meinung nach in der aktuellen Lage verfahren werden müsse.
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Darlegung der unabdingbaren Logik der erforderlichen Vorgehensweise: Beide Redner legen dem Publikum noch einmal genau die vorliegenden Fakten und Zusammenhänge dar und ziehen alternativlose Schlussfolgerungen aus diesen. Bush liefert Erläuterungen zur Terrororganisation Al-Qaida, ihrem Einfluss in Afghanistan und erklärt der Zuhörerschaft die zentrale Rolle des Taliban-Regimes für den Terrorismus (Z. 17–23). Daraus leitet er drei Forderungen an die Taliban ab (Z. 28–34). Auch Cicero führt den anwesenden Senatoren noch einmal die aktuelle Lage vor Augen. Er benennt die Faktenlage, welche in den vier Forderungen an Antonius besteht, die diesem vom Senat durch die Gesandtschaft übermittelt worden sind (Z. 7–12 und deutsche Einleitung). Auch Cicero leitet aus diesen eine eindeutige Schlussfolgerung ab: Wenn Antonius den Forderungen nachkomme, könne der Senat über ein weiteres Vorgehen nachdenken (Z. 13: Haec si fecerit, erit integra potestas nobis deliberandi). Wenn Antonius nicht gehorche, erkläre er selbst damit dem Senat den Krieg (Z. 13 ff.: Si senatui non paruerit, … ille populo Romano bellum indixerit).
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Diffamierung des Feindes: Bush spricht in seiner Rede in nüchternerer Weise als Cicero. Er benennt Schmerz und Wut der Amerikaner (Z. 5) und stellt die Taliban pauschal als Verantwortliche für den terroristischen Akt heraus (Z. 24 ff.: Die Vereinigten Staaten […] verurteilen das Taliban-Regime. Es […] bedroht Menschen überall, indem es Terroristen unterstützt, versorgt und sie beliefert), arbeitet aber nicht mit Beschimpfung oder persönlich werdender Diffamierung. Cicero stellt Antonius in plakativer, undifferenzierter Überzeichnung als scheußliches und unheilbringendes Monstrum dar (Z. 21: Taetram et pestiferam beluam), um sein Publikum zu konsequentem Handeln gegen diesen zu veranlassen. Auch diffamiert er seinen Gegner mit Hilfe eines Topos der Invektive, indem er ihm grenzenlose Habgier (Z. 18: cupiditatem infinitam) in Bezug auf das Vermögen angesehener Römer vorwirft.
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Appellcharakter der Rede: Bush appelliert an das Zusammengehörigkeitsgefühl des amerikanischen Volkes (Z. 3 ff.: Heute Abend sind wir ein Land, das … aufgerufen ist, die Freiheit zu verteidigen.) und an dessen Einverständnis mit den bereits beschlossenen Forderungen und Maßnahmen gegen die Terroristen (vgl. Z. 28-39). Cicero hingegen appelliert explizit an die Handlungsbereitschaft und Tatkraft der Senatoren (Z. 16: vos moneo, patres conscripti; Z. 22: cavete) und des Konsuls (Z. 23 f.: Te ipsum, Pansa, moneo […], … ne … patiare), um die drohende Katastrophe, die Einnahme des Staates durch Antonius, noch zu verhindern.
Inhalte:
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Aktuelle Stimmungslage: Bush skizziert die Stimmung der amerikanischen Bevölkerung am Beginn seiner Rede als Abfolge von Schmerz, Wut und Entschlossenheit dazu, die Terroristen bestrafen und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen zu wollen (Z. 5-9: Unser Schmerz wurde zu Wut, und Wut zu Entschlossenheit. Ob wir unsere Feinde zur Rechenschaft ziehen oder … ihrer gerechten Bestrafung zuführen, der Gerechtigkeit wird Genüge getan werden). Cicero hingegen referiert keine bestehende Gefühlslage, sondern stellt der Zuhörerschaft vor Augen, welche Stimmung aus seiner Sicht aktuell angebracht wäre: Er und die übrigen Römer müssten angespannt, wachsam und permanent einsatz- und kampfbereit sein angesichts der anstehenden Reaktion des Antonius, die die Gesandten in Kürze übermitteln würden (Z. 2 f.: At vero excitati, erecti, parati, armati animis iam esse debemus).
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Der Wert Freiheit: Beide Redner betonen, dass der grundlegende Wert der Freiheit in der aktuellen Ausnahmesituation ihres Staates auf dem Spiel stehe. Bush bezeichnet die Terroristen vom 11. September als Feinde der Freiheit (Z. 15) und weist auf die Notwendigkeit hin, die Freiheit Amerikas zu verteidigen (Z. 3 ff.: Heute Abend sind wir ein Land, das … aufgerufen ist, die Freiheit zu verteidigen). Auch Cicero betont in seinen mahnenden Worten an die Senatoren, dass es um nichts Geringeres als um die Freiheit des römischen Volkes gehe (Z. 17: Libertas agitur populi Romani). Er appelliert an Pansa, den Staat für immer von den mit Antonius verbundenen Übeln zu befreien (Z. 26 f.: in perpetuum rem publicam … liberare).
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Betonung der akuten Gefahr: Beide Redner stellen der Zuhörerschaft die Größe der aktuellen Gefahr für den Staat vor Augen, um deutlich zu machen, dass unverzügliches und konsequentes Handeln notwendig sei. So betont Bush, dass am 11. September Feinde … eine kriegerische Handlung gegen die USA begangen hätten (Z. 15 f.) und es sich bei dem terroristischen Anschlag um Mord handle (Z. 26 f.). Auch Cicero benennt klar, dass der Staat sich in einem Zustand von Furcht und Gefahr befinde (Z. 27: metu et periculo). Er stellt in seiner Mahnung an die Senatoren mit eindringlichen Worten dar, dass neben dem Grundwert der römischen Republik, der Freiheit, auch Leben und Besitz der besten Männer im Staat sowie das Ansehen des Senats auf dem Spiel stünden (Z. 17–20: Libertas agitur populi Romani, ... vita et fortunae optimi cuiusque. … Auctoritas vestra …).
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Schärfung des Feindbildes: Bush deklariert das Terror-Netzwerk Al-Qaida als verantwortlich für den Anschlag vom 11. September, weitet das Feindbild aber auf das Taliban-Regime aus (Z. 17–27). Einzelne Persönlichkeiten aus deren Führungsriegen benennt er namentlich nicht. Cicero hingegen reduziert den Feind allein auf die Person Antonius (Vgl. Z. 3–15; Z. 19; Z. 21 f.). Dessen Gefolgsleute lässt er gänzlich außer Acht.
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Unverhandelbarkeit der Forderungen: Beide Redner verdeutlichen in ihren Reden, dass die Forderungen an den Feind nicht verhandelbar seien: Bush äußert in klaren Worten: Über diese Forderung kann nicht verhandelt oder diskutiert werden. Die Taliban müssen handeln, und sie müssen sofort handeln. Sie werden die Terroristen aushändigen oder sie wird das gleiche Schicksal wie die Terroristen ereilen (Z. 35–39). Cicero betont, dass Antonius den Forderungen, die ihm die römische Gesandtschaft überbracht hat (vgl. Einleitungstext), unbedingt gehorchen müsse (Z. 5: Omnia fecerit oportet, quae interdicta et denuntiata sunt). Auch weist er darauf hin, dass ein Verstoß gegen diese Forderungen einer Kriegserklärung gegen das römische Volk gleichkäme. Zu einem Krieg gegen Antonius gäbe es in diesem Fall keine Alternative (Z. 13 ff.: Si senatui non paruerit, non illi senatus, sed ille populo Romano bellum indixerit).
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Charakterisierung des Feindes als grausam: Beide Redner werfen ihrem politischen Feind Grausamkeit vor. Bush macht in pauschaler Weise die Grausamkeit des Taliban-Regimes deutlich (Z. 25 f.: Es […] bedroht Menschen überall, indem es Terroristen unterstützt; Z. 26 f.: Durch Beihilfe zum Mord begeht das Taliban-Regime Mord). Auch Cicero betont die Grausamkeit des Antonius, mit der dieser angesehenen römischen Männern nach dem Leben trachte (Z. 18 f.: vita … optimi cuiusque. Quo … cum immani crudelitate … intendit Antonius).
Fazit:
Der Vergleich zeigt, dass beide Redner aus einer ähnlichen Situation heraus sprechen. Beide sind Teil der legitimen Organe ihres Staates und erzeugen den Eindruck von Einigkeit im Staat. Beide nutzen etliche gleiche oder ähnliche Argumente und Strategien. So stellen sowohl Bush als auch Cicero drastisch die Gefahrensituation dar, in der sich ihr jeweiliger Staat befinde und durch die dessen Freiheit bedroht sei. Sie leiten beide aus einer klaren, mit einer Frage eingeleiteten Faktenargumentation ab, dass ein konsequentes Vorgehen gegen den Feind unverzichtbar sei. Trotzdem beruhigen beide ihre Zuhörerschaft in Bezug auf die momentane bzw. in Aussicht stehende Situation.
Ein Hauptunterschied besteht darin, dass Cicero an seine Zuhörerschaft appelliert, alles zu tun, um eine Katastrophe für den Staat zu verhindern, während Bush in seiner Rede auf eine bereits eingetretene Katastrophe reagiert.
Einleitung:
Olbrich legt im vorliegenden Zitat dar, dass es Cicero in den Philippicae nicht um eine persönliche Abrechnung mit Antonius gehe, sondern um den Erhalt der freien römischen Republik. Für diese Überzeugung kämpfe er - auch mit unsauberen Mitteln - den verzweifelten … Kampf des rückwärtsgewandten Idealisten, welcher sich letztendlich aber als vergeblich erweise.
Im Folgenden wird zu diesen Aussagen Stellung genommen.
Ergebnisse:
Argumente, die für Aussagen des Zitats sprechen:
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Kampf mit schmutzigen Mitteln (Z. 2) durch Diffamierung: In der Tat bedient Cicero sich im Kampf gegen Antonius schmutzige[r] Mittel, indem er demagogische Hetze betreibt und in unsachlicher, emotionalisierender Weise alle Register seiner Redekunst gegen den Feind zieht. So diffamiert er Antonius in diversen Abschnitten seiner Philippicae als trunksüchtig, als triebgesteuerte Bestie, als wahnsinnig, dreist und schamlos. Seine Reden sind auch an diesen Stellen als rhetorische Kriegserklärungen zu lesen.
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Kampf mit schmutzigen Mitteln (Z. 2) durch Missachtung von Recht und Gesetz: Cicero agiert mit schmutzigen Mitteln, indem er geltendes Recht ignoriert, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. So prangert er in seinen Philippicae den rechtmäßigen Konsul Antonius als Staatsfeind an und stellt dessen legitime Ansprüche auf die Provinz Gallia Cisalpina als illegitim dar. Später erreicht er im Senat die Legitimierung der Amtsanmaßung und der Gesetzesbrüche Octavians, der unter anderem ohne Vollmacht, jedoch zunächst mit Ciceros inoffiziellem Einverständnis, eine Privatarmee aufgestellt und sich militärische Befehlsgewalt angemaßt hat.
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Ciceros Agieren aus tiefe[r] Sorge heraus um den Bestand all dessen, was seine politische Überzeugung war (Z. 3 ff.): Die Sorge um den Bestand der römischen Republik zieht sich wie ein roter Faden durch Ciceros gesamtes politisches Leben. Bereits sein Einsatz für die Niederschlagung der Catilinarischen Verschwörung ist durch diese Sorge motiviert. In den Philippicae erreicht sie im Kampf gegen Antonius ihren Höhepunkt, zumal Cicero in dieser Situation vielleicht die letzte Chance sieht, nach dem Tod Caesars die alte res publica vor einer erneuten Alleinherrschaft zu retten.
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Radikalisierung als Ausdruck eines verzweifelten (Z. 5) Kampfes: Die wachsende Verzweiflung Ciceros spiegelt sich darin wider, dass seine Position im Verlauf der Philippicae radikaler wird. Während er anfangs nur dem Treiben des Antonius ein Ende setzen will, fordert er am Ende dessen Tod.
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Drängen auf Krieg als Ausdruck eines verzweifelten (Z. 5) Kampfes: Ciceros verzweifelter Kampf zeigt sich auch darin, dass er gerade in seinen letzten Philippicae als Kriegstreiber agiert. Da eine Herrschaft des Antonius nicht mit dem Erhalt der republikanischen Ordnung vereinbar ist, spricht Cicero sich energisch gegen weitere Verhandlungen wie eine zweite Gesandtschaft und für einen offenen Krieg gegen diesen aus.
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Politische Fehleinschätzung als Ursache für einen vergeblichen Kampf (Z. 6): Ciceros Kampf erweist sich am Ende als vergeblich, da er mit Octavian aufs falsche Pferd gesetzt hat: So feiert er diesen zunächst als von den Göttern gesandten Retter des Staates, obwohl Octavian sich schon früh als C. Iulius Caesar anreden ließ und sich damit deutlich als potenziellen Nachfolger Caesars positionierte. Als Octavian nach dem Tod der Konsuln Pansa und Hirtius das vakante Konsulat für sich fordert, weisen der Senat und Cicero ihn zurück. Daraufhin zieht Octavian mit seinen Legionen gegen Rom, erzwingt seine Wahl zum Konsul und söhnt sich mit Antonius aus. So wird er schließlich von einem Verbündeten Ciceros zum politischen Gegner.
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Ciceros Tod als Ergebnis eines vergeblichen (Z. 6) Kampfes: Ciceros Kampf gegen Antonius erweist sich insofern als vergeblich, als er ihn am Ende mit seinem Leben bezahlt: Die Caesarianer und Triumvirn Octavian, Antonius und Lepidus, die sich im November 43 v. Chr. verbündet haben, ergreifen die Macht im römischen Staat und gestehen dem Senat keinerlei Einfluss mehr zu. Sie setzen vielmehr etliche Senatoren und Ritter auf Proskriptionslisten. Damit löschen sie einen Großteil der alten römischen Nobilität aus. Cicero wird Opfer dieser Proskriptionen: Gefolgsleute des Antonius ermorden ihn.
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Ciceros politische Haltung ist rückwärtsgewandt (Z. 6): Cicero setzt sich sein gesamtes Leben lang für den Erhalt der traditionellen, von den Vorfahren übernommenen Staatsform der Republik ein. So schlägt er unter anderem als Konsul die Catilinarische Verschwörung nieder. Auch das Ziel seiner Philippicae besteht in der Aufrechterhaltung dieser Staatsform.
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Cicero als Idealist (Z. 7) in Bezug auf den Zustand der Republik: Cicero verkennt, dass die römische Republik in ihrer idealen Form nicht mehr existiert und nicht mehr existieren wird. Er schätzt die politische Situation somit nicht realistisch, sondern idealistisch ein.
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Cicero als rückwärtsgewandter Idealist (Z. 6 f.) in Bezug auf die geschlossene Haltung innerhalb des Senats und des römischen Volkes: Cicero beschwört in seinen Philippicae immer wieder die Geschlossenheit von römischem Senat und Volk. Diese entspricht zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr der Realität. So widersetzen sich etliche Mitsenatoren hartnäckig einer Kriegserklärung gegen Antonius und plädieren für Friedensverhandlungen mit diesem. Zum Teil weisen sie Cicero die Rolle eines Kriegstreibers zu.
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Beschwörung republikanischer Werte als Merkmal eines rückwärtsgewandten Idealisten (Z. 6 f.): In seinen Philippicae argumentiert Cicero mehrfach mit der virtus und dem mos maiorum, zentralen Werten aus der Zeit der Republik. Somit vertritt er die Ideale dieser althergebrachten Staatsform.
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Unrealistische Fehleinschätzungen als Merkmal eines Idealisten (Z. 7): Dass Cicero und der Senat sowohl mit den Mördern als auch mit dem Erben Caesars koalieren, ist eine zum Scheitern verurteilte Konstellation, deren politische Sprengkraft Cicero unterschätzt. Außerdem überschätzt er die Bedeutung der vorläufigen militärischen Siege gegen Antonius bei Forum Gallorum und Mutina. Sie veranlassen ihn dazu, die prekäre Gesamtsituation zu ignorieren.
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Kampf um den Erhalt der res publica libera (Z. 7): Immer wieder beschwört Cicero als Leitgedanken in seinen Philippicae, von welch immenser Wichtigkeit der Erhalt der libertas sei. So äußert er unter anderem, dass er zeit seines Lebens für die Freiheit gekämpft habe und dass die Römer ihn als homo novus zu diesem Zweck in die höchsten politischen Ämter gewählt hätten. Den Kampf für die res publica libera sieht er somit als Auftrag an.
Argumente, die gegen Aussagen des Zitats sprechen:
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Keine Motivation durch persönliche[n] Hass oder Gehässigkeit (Z. 1): Wenn man Ciceros radikalen, diffamierenden rhetorischen Feldzug gegen Antonius in den Philippicae liest, ist es schwer, diesen nicht als Ausdruck von Hass oder Gehässigkeit zu verstehen. Da Cicero sich zeit seines Lebens mit dem Ideal der römischen Republik identifiziert, erscheint es kaum möglich, dass er zwischen politischer Überzeugung und persönlichem Empfinden gegenüber einem Gegner dieser Staatsform hätte differenzieren können. Somit liegt es nahe, dass er durchaus auch persönlichen Hass auf Antonius verspürt hat.
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Erfolge als Argument gegen die These eines vergeblichen (Z. 6) Kampfes: Ciceros rhetorischer Kampf gegen Antonius verläuft nicht durchgängig vergeblich, sondern ist auch von Erfolgen geprägt. So vermag Cicero es im Senat durchzusetzen, dass die Caesarmörder Brutus und Cassius ihre Provinzen behalten und dass der Provinztausch, den Antonius vornehmen will, für illegal erklärt wird. Die Siege bei Forum Gallorum und Mutina sind als militärische Erfolge im Kampf gegen Antonius zu werten.
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Agieren gegen die eigenen Ideale als Widerspruch zur These, dass Cicero ein Idealist (Z. 7) sei: Cicero zeigt sich als pragmatischer Realist und vertritt gerade nicht die Ideale der Republik, da er zugunsten seines Interesses, Antonius zu vernichten, Recht und Gesetz missachtet bzw. umdeutet. So prangert er den rechtmäßigen Konsul Antonius als Staatsfeind an und stellt dessen rechtmäßige Ansprüche auf die Provinz Gallia Cisalpina als illegitim dar. Später erreicht er im Senat die Legitimierung der Amtsanmaßung und der Gesetzesbrüche Octavians, der unter anderem ohne Vollmacht eine Privatarmee aufgestellt und sich militärische Befehlsgewalt angemaßt hat.
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Realistische Einschätzung der von Antonius ausgehenden Gefahr als Argument gegen die These, dass Cicero ein Idealist (Z. 7) sei: Cicero erweist sich als realistisch urteilender Politiker und nicht als Idealist, wenn er Antonius als Gefahr für die römische Republik ansieht. In der Tat verfolgt Antonius die Absicht, die Macht im Staat im Sinne einer Nachfolge Caesars zu übernehmen, und führt zu diesem Zweck Bürgerkrieg gegen Rom.
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Gezieltes und planvolles Vorgehen als Argument gegen die These eines verzweifelten (Z. 5) Kampfes: Ciceros radikale Diffamierung und Stilisierung des Antonius zum Feind sollte nicht als Ausdruck von Verzweiflung bewertet werden. Vielmehr zeigt sich darin das konsequente und planvolle Vorgehen eines Politikers, der mit rhetorisch sorgfältig ausgefeilten Reden gezielt den Feind der römischen Republik zu vernichten beabsichtigt.
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Standpunkt der Beurteilung als Argument gegen die These, dass Ciceros Haltung rückwärtsgewandt (Z. 6) sei: Wenn man Ciceros Haltung aus heutiger Sicht, d. h. aus der Kenntnis des historischen Verlaufs heraus beurteilt, mag sie rückwärtsgewandt erscheinen, denn die Republik ist mit der Machtergreifung durch Octavian am Ende. Betrachtet man Ciceros Haltung jedoch aus seiner Zeit heraus, kann sie durchaus als zukunftsfähig beurteilt werden, denn nach Caesars Tod besteht durchaus noch die Möglichkeit, dass die libera res publica wiederhergestellt wird und die Macht von Senatoren wie Cicero erhalten bleibt.
Fazit:
Weitestgehend ist den Aussagen Olbrichs zuzustimmen, wenn die Vergeblichkeit von Ciceros Kampf gegen Antonius vom Ende her betrachtet wird. Wenn Cicero auch bestimmte Konstellationen realistisch betrachtet hat, ist sein Agieren in den Philippischen Reden doch stark von seinem Idealismus geprägt, den Erhalt der res publica libera als seine Lebensaufgabe anzusehen und mit allen Mitteln - durchaus auch unlauteren - dafür zu kämpfen.