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Inhaltsverzeichnis

Redekunst als Waffe

Lasst uns den Staat von der Bestie befreien!

Anfang Januar 43 v. Chr. belagert Antonius die Stadt Mutina in der Provinz Gallia Cisalpina. Er erhebt Anspruch auf diese Provinz, die immer noch von D. Brutus verwaltet wird.

Gerade sind Gesandte des römischen Senats aufgebrochen, um eine friedliche Lösung anzustreben. Sie wollen Antonius dazu veranlassen, dass er mit seinem Heer die Provinz über den Grenzfluss Rubikon verlässt und dass er sich der Herrschaft des römischen Senats und Volkes unterordnet.

Bei einer Senatssitzung in Rom unter der Leitung des Konsuls Pansa legt Cicero dar, dass man unabhängig von den Ergebnissen der Gesandtschaft entschlossen gegen Antonius vorgehen müsse:

1
Quorsum haec omnis spectat oratio? Quid enim legati egerint1,
2
nondum scimus. At vero excitati, erecti, parati, armati animis
3
iam esse debemus, ne blanda aut supplici oratione2 aut
4
aequitatis3 simulatione fallamur.
5
Omnia fecerit oportet4, quae interdicta5 et denuntiata6
6
sunt, priusquam aliquid postulet:
7
- Brutum7 exercitumque eius oppugnare, urbes et agros
8
provinciae Galliae populari destiterit8.
9
- Ad7 Brutum adeundi9legatis potestatem9 fecerit.
10
- Exercitum7 citra flumen Rubiconem eduxerit nec propius10
11
urbem milia10 passuum ducenta admoverit.
12
- Fuerit7 et in11 senatus et in11 populi Romani potestate11.
13
Haec si fecerit, erit12 integra potestas13 nobis deliberandi. Si
14
senatui non paruerit, non illi senatus, sed ille populo Romano
15
bellum indixerit.
16
Sed vos moneo, patres conscripti:
17
Libertas agitur14 populi Romani, quae est commendata vobis,
18
vita15 et fortunae optimi16 cuiusque. Quo17 cupiditatem infinitam
19
cum immani crudelitate iam pridem intendit17 Antonius.
20
Auctoritas18 vestra, quam nullam19
21
habebitis, nisi nunc tenueritis.
22
Taetram20 et pestiferam beluam ne inclusam et constrictam
23
dimittatis20, cavete!
24
Te ipsum, Pansa, moneo [...], hunc21 tantum tuum apparatum21
25
tamque praeclarum ne ad21 nihilum recidere patiare. Tempus22
26
habes tale, quale nemo habuit umquam. Hac gravitate senatus,
27
hoc studio equestris ordinis, hoc ardore populi Romani potes in23
28
perpetuum rem publicam metu et periculo liberare.

1 agere hier: aushandeln

2 oratio (Gemeint ist eine mögliche Rede des Antonius.)

3 aequitas Fairness

4 Ordne und ergänze: Oportet, ut Antonius omnia fecerit

5 interdicere befehlen

6 denuntiare verordnen

7 Ergänze am Satzanfang: Oportet, ut Antonius

8 desistere aufhören

9 adeundipotestatem facere die Möglichkeit geben, … zu gehen

10 propius (mit Akkusativ) milia passuum ducenta näher als 200 Meilen an

11 in potestate esse sich unter die Herrschaft begeben

12 integer esse freistehen

13 potestas hier: Möglichkeit

14 agi (Passiv) hier: auf dem Spiel stehen

15 Ergänze: vita et fortunaeaguntur14

16 optimi cuiusque gerade der besten Männer (Genitiv)

17 quo … intendere darauf richten

18 Ergänze: Auctoritas vestra agitur14

19 nullam hier: überhaupt nicht mehr

20 Ordne: Cavete, ne taetram et pestiferam beluam inclusam et constrictam dimittatis! | dimittere hier: entkommen lassen

21 Ordne: ne patiare (= patiaris) hunc tuum tantum tamque praeclarum apparatum ad nihilum recidere | apparatus Aufwand an Vorbereitungen | ad nihilum recidere sich in nichts auflösen

22 tempus hier: günstige Zeitumstände

23 in perpetuum für immer

Aufgabenstellung

I. Übersetze den Text in angemessenes Deutsch.

II. Löse die folgenden Aufgaben.

1.
a.

Bestimme die Formen deliberandi (Z. 13) und inclusam (Z. 21).

b.

Bestimme die Form und benenne die Funktion des Kasus von periculo (Z. 27).

c.

Bestimme die Form und erkläre die Funktion des Modus von fallamur (Z. 4).

15 %

2.

Arbeite aus dem vorliegenden Übersetzungstext heraus, wie der Senat und Pansa aus Ciceros Sicht mit Antonius umgehen sollten.

20 %

3.

Wähle aus dem Text zwei verschiedene Stilmittel aus. Benenne sie und erläutere ihre Wirkung an der jeweiligen Textstelle.

15 %

4.

Am 11. September 2001 verübte das islamistische Terror-Netzwerk Al-Qaida mehrere terroristische Anschläge auf die USA. Neun Tage später wandte sich daraufhin der amerikanische Präsident George W. Bush mit einer Rede an den amerikanischen Kongress und das amerikanische Volk:

1
[...] Liebe Mitbürger, in den letzten neun Tagen hat die
2
gesamte Welt mit eigenen Augen die Lage unserer Nation
3
gesehen - und sie ist gut. Heute Abend sind wir ein Land,
4
das sich der Gefahr bewusst geworden und aufgerufen ist,
5
die Freiheit zu verteidigen. Unser Schmerz wurde zu Wut,
6
und Wut zu Entschlossenheit. Ob wir unsere Feinde zur
7
Rechenschaft ziehen oder unsere Feinde ihrer gerechten
8
Bestrafung zuführen, der Gerechtigkeit wird Genüge getan
9
werden.
10
Ich danke dem Kongress für seine Führungsstärke in einer
11
so wichtigen Zeit. Ganz Amerika war bewegt, als man am
12
Abend der Tragödie Republikaner und Demokraten
13
gemeinsam auf den Stufen dieses Kapitols stehen und
14
„God Bless America" singen sah. [...]
15
Am 11. September haben Feinde der Freiheit eine
16
kriegerische Handlung gegen unser Land begangen. [...]
17
Wer hat unser Land angegriffen? Die von uns
18
gesammelten Beweise weisen alle auf eine Reihe lose
19
verbundener Terrororganisationen hin, die als Al-Qaida
20
bekannt sind. [...]
21
Die Führung von Al-Qaida hat großen Einfluss in
22
Afghanistan und unterstützt das Taliban-Regime bei der
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Kontrolle des Großteils des Landes. [...]
24
Die Vereinigten Staaten [...] verurteilen das Taliban-
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Regime. Es [...] bedroht Menschen überall, indem es
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Terroristen unterstützt, versorgt und sie beliefert. Durch
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Beihilfe zum Mord begeht das Taliban-Regime Mord.
28
Und heute Abend fordern die Vereinigten Staaten von
29
Amerika Folgendes von den Taliban:
30
Liefern Sie den Vereinigten Staaten alle führenden
31
Mitglieder der Al-Qaida aus, die sich in Ihrem Land
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verstecken! Lassen Sie alle ausländischen Staatsbürger
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frei [...]! Liefern Sie jeden Terroristen [...] an die
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zuständigen Behörden aus! [...]
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Über diese Forderung kann nicht verhandelt oder diskutiert
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werden. Die Taliban müssen handeln, und sie müssen
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sofort handeln. Sie werden die Terroristen aushändigen
38
oder sie wird das gleiche Schicksal wie die Terroristen
39
ereilen. [...]

Vergleiche die Bush-Rede mit dem vorliegenden Cicero-Text in Bezug auf Sprechsituation, rhetorische Strategien und Inhalte.

25 %

5.

Der Cicero-Experte Wilfried Olbrich beurteilt Ciceros Handeln in den Philippischen Reden folgendermaßen:

1
Nicht persönlicher Hass ist es oder gar Gehässigkeit,
2
die ihn zu [...] schmutzigen Mitteln des politischen
3
Kampfes greifen lassen. Es ist vielmehr die tiefe Sorge
4
um den Bestand all dessen, was seine politische
5
Überzeugung war [...]. Cicero kämpft den verzweifelten
6
und [...] vergeblichen Kampf des rückwärtsgewandten
7
Idealisten um den Erhalt einer res publica libera.

Nimm Stellung zu den Aussagen dieses Zitats.

25 %

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