Aufgabe I – Gegen den Fortschritt
Skizziere, wie Freund 1 (Material 1) bei seiner Gründung einer Religion vorgeht!
Setze Grundelemente biblischen Gottesverständnisses in Beziehung zu Gedanken aus Material 2!
Stelle Aspekte der Fragmentarität menschlichen Lebens und ein christliches Verständnis von Sünde dar und interpretiere darauf aufbauend das Theaterplakat (Material 3).
Entfalte unter Bezug auf die Materialien 1-3 eine Position philosophischer Religionskritik!
Gib Positionen christlicher Theologie wieder, die die Frage nach Gott als existenzielle Frage stellen, und beurteile die Relevanz dieser Positionen für die in den Materialien 1-3 durchscheinenden Sinnfragen!
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Der katalanische Theaterautor Esteve Soler (*1976) betrachtet in seinem Theaterstück „Gegen den Fortschritt“ die Frage nach Gott und Religion in einem Dialog zweier Freunde aus einer überraschenden Perspektive.
Quelle: Esteve Soler, Gegen den Fortschritt, aus dem Katalanischen von Charlotte Frei, DSE Residenztheater München 2009, unveröffentlichtes Textbuch, S. 19 – 27, Rechte bei Schultz & Schirm Bühnenverlag GmbH, 1050 Wien, Spengergasse 37.
Für Prüfungszwecke gekürzt
Material 2
700 Intellektuelle beten einen Öltank an (1929)
Der deutsche Dichter Bertolt Brecht (1898-1956) thematisiert in seinem Gedicht den Einfluss der modernen Arbeitswelt und des technischen Fortschritts auf die Menschheit.
1 Ohne Einladung
Quelle: Bertolt Brecht, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe (GBFA) 11, Suhrkamp, Frankfurt, 174-176.
Material 3
„Gegen den Fortschritt“
Mit dem abgebildeten Plakat bewarb die Studiobühne des Theaterwissenschaftlichen Instituts der Ludwig-Maximilians-Universität, München im Wintersemester 2012/2013 die Aufführungen ihrer Einstudierung von Esteve Solers Theaterstück „Gegen den Fortschritt“ (vgl. Material 1).
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Es werden vier Aufgaben zur Verfügung gestellt, von denen eine bearbeitet werden muss.
Die folgenden Lösungshinweise sind bewusst sehr ausführlich gestaltet, um deutlich zu machen, wie gerade die neuen und neu zugeschnittenen Aspekte des LehrplanPLUS im Rahmen von Leistungsmessungen zu verstehen sind. Daher enthalten sie auch Gesichtspunkte, die erheblich über möglicherweise erwartbare Prüfungsleistungen von Schülerinnen und Schülern hinausgehen.
Zusätzlich finden sich weitere Ausführungen zu verwendeten Operatoren und Lehrplanbezügen.
Das Vorgehen von Freund 1 soll prägnant und in eigenen Worten skizziert werden. Folgende Aspekte können dabei genannt werden:
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Er überformt seine eigene Überzeugung mit religiösen Elementen (M1, Z. 4 f.) und formuliert eine zentrale Aussage, quasi ein Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an die Produktivität“ (Z. 12).
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Er nimmt verschiedene aus der Bibel bekannte Rollen ein, wie Gott selbst oder Gesandter Gottes zu sein. (Z. 3; 7)
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Er wechselt zwischen Überzeugungsarbeit (Z. 3), Drohgebärden (Z. 4) und Aufzeigen von Vorteilen (Z. 16-18; 23 f.).
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Er entwickelt Pläne zur Erweiterung im Stil von christlicher Missionstätigkeit (Z. 28 f.).
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Er bedient Bedürfnisse der Menschen, so dass die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht gestellt wird (Z. 33-36).
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Er formuliert Antworten auf die Frage nach Ungerechtigkeit und Leid (Z. 44 f.).
Der Operator Skizzieren liegt im Anforderungsbereich I; er wird hier verwendet, da sich der geforderte Untersuchungsaspekt nicht durch eine reine Zusammenfassung erfassen ließe, sondern einer gezielten Analyse einzelner Textstellen und einer entsprechenden systematischen Darstellung der Ergebnisse bedarf: Wichtig ist hier, dass der Fokus auf der Strategie, dem „Vorgehen“ von Freund 1 liegt. Zentraler Ausgangspunkt der Aufgabe ist der Lernbereich 12.1 Woran dein Herz hängt – Sinnfrage und Gottesfrage.
Grundelemente biblischen Gottesverständnisses wie die folgenden können zur Sprache kommen und zu M2 in Beziehung gesetzt werden:
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Gott als allmächtiger Schöpfer schützt und erhält Leben. Brecht kritisiert in ironischer Durchbrechung die Menschheit, die in Technik und Fortschritt die alleinige Basis ihres Lebens sieht und den plötzlich aus dem Nichts (M2, Z. 13) erscheinenden Götzen Öltank (vgl. Titel des Gedichts) und diesen (Z. 18 f.) anbetet (vgl. Titel).
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Gott ermöglicht Nähe und eine personale Beziehung zwischen ihm und seinen Geschöpfen und steht im Dialog mit ihnen. Brecht greift diese personale Beziehung auf, indem er den an die 2. Person gerichteten Sprachduktus eines Gebets persifliert.
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Als Herr der Geschichte begleitet Gott die Menschen auf ihrem Lebensweg und bietet mit seinen Weisungen Orientierung an (Bergpredigt bzw. Dekalog). Orientierung ist vom Götzen Öltank nicht zu erwarten, denn die Menschen benötigen durch freiwillige Aufgabe ihrer vernunftgeleiteten Entscheidungsfreiheit und Unterwerfung unter den Willen des Götzen keine Orientierungshilfe mehr (vgl. M2, Z. 24-27).
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Als liebender und mitleidender Gott begegnet er Menschen in Jesus (Inkarnation), solidarisch und empathisch weiß er um die Sorgen seiner Geschöpfe (Passion). Brecht hingegen wünscht sich von dem Götzen zynisch „Gewalt“ (M2, Z 22).
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Der trinitarische Gott stärkt den Glauben im Geist auch gegen alle Widrigkeiten. Brecht konnotiert den Geist hingegen mit Übeln wie Elektrifizierung, Vernunft und Wissenschaftsgläubigkeit (vgl. M2, Z. 48-50).
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Der vergebende Gott befreit die Menschen zu einem Leben in Freiheit, was ihnen ethisch verantwortliches Handeln gegenüber seinen Nächsten ermöglicht (Indikativ, Imperativ). Brechts Götze hingegen soll Individualität und Verantwortlichkeit auslöschen (vgl. M2, Z. 24-27).
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Sein Reich ist schon mitten unter den Menschen, wartet aber auf Vollendung. Brechts „Gott ist wiedergekommen / In Gestalt eines Öltanks“ (M2, Z. 18f.).
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Die Auferstehung Jesu ist Grundlage für den Glauben an die eigene Auferstehung und ermutigt so zum Handeln aus Hoffnung. Dieser Aspekt fehlt in M2.
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Als Gesetzgeber und Richter, als Herr über Leben und Tod wird Gott als unverfügbar dargestellt. Die Menschen ziehen in M2 das Materielle, Sichtbare, in Statistiken Evidente und Berechenbare der Unsichtbarkeit, Allgegenwart und Unergründbarkeit Gottes vor (vgl. M2, Z 33-40).
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In Achtung vor der Würde aller Menschen will Gott Gerechtigkeit für alle. Die apokalyptische Vorstellung vom Weltgericht beinhaltet das Offenbarwerden aller Dinge und ermöglicht so einen Täter-Opfer Ausgleich, indem Gott seine Gerechtigkeit durchsetzt. Fehlt in M2.
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ggf: „Und bist du nicht gemacht aus Elfenbein / Und Ebenholz“ (M2, Z. 28 f.) sowie die Nennung der präzisen Ausmaße (Z. 35) können als Abgrenzung zur Bundeslade, dem Ort der Gegenwart Gottes gedeutet werden. Allerdings ist die Bundeslade aus goldüberzogenem Akazienholz und nur 4m hoch (Ex 25,10–22) gestaltet, Brechts Götze Öltank hingegen ist mit Augen wahrnehmbar aus Eisen, 7m hoch (vgl. M2, Z. 30,35).
Der Operator In Beziehung setzen liegt im Anforderungsbereich II; vorausgesetzt ist bei diesem Operator, dass sich, wie im vorliegenden Fall, Bezüge ggf. nur partiell herstellen lassen. Zentraler Ausgangspunkt der Aufgabe ist ebenfalls der Lernbereich 12.1 Woran dein Herz hängt – Sinnfrage und Gottesfrage.
Es bieten sich mehrere Möglichkeiten an, ein christliches Verständnis von Sünde zu skizzieren. Die Darstellung kann stärker biblisch-theologisch oder systematisch-theologisch akzentuiert sein. Folgende Aspekte von Fragmentarität menschlichen Lebens und eines christlichen Verständnisses von Sünde können dargestellt werden:
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Die Fragmentarität menschlichen Lebens kann anhand eigener Begrenztheit (z. B. Körperlichkeit; Endlichkeit; Eingebundenheit in die materielle Welt und in Zeit) und gesellschaftlicher Bedingungen (z. B. Mensch als Beziehungswesen; Unfähigkeit des Menschen, sich das Leben selbst zu geben und aus eigener Kraft zum Gelingen zu führen; menschliches Leben aus Voraussetzungen, die man sich nicht selbst geben kann) oder Ähnlichem dargestellt werden.
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Sünde im AT impliziert Verfehlung der geschöpflichen Bestimmung, einen Bruch mit der Schöpfungsordnung oder der Beziehung mit Gott. Der Mensch will selbst wie Gott sein, er missachtet Gottes Gebot. Dies zieht Beziehungsstörungen nach sich (Gen 3).
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Sünde wird im NT, v.a. bei Paulus, als universelle Macht verstanden. Der Mensch kann die Macht der „Sünde“ nicht überwinden und ist deshalb in Schuld verstrickt (Röm 7).
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Nach Luther ist der Mensch in sich verkrümmt, also auf sich selbst bezogen (homo incurvatus) und somit unfähig, sich dem Nächsten oder Gott zuzuwenden:
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Der Mensch kann zudem nicht aus eigener Anstrengung vor Gott gerecht werden und erfährt sich als unzulänglich.
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Erlösung findet der homo incurvatus allein im Glauben (sola fide) bzw. durch Jesus Christus (solo Christo) aufgrund von Gottes Gnade (sola gratia)
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Somit kann der Mensch als zugleich sündig und gerechtfertigt (simul iustus et peccator) beschrieben werden.
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Nach Tillich beschreibt Sünde den Zustand des Menschen als Entfremdung:
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Der Mensch existiert nicht so, wie er als Wesen gemeint ist. Diese Entfremdung ist Folge seiner Freiheit, sich ohne Gott selbst zu verwirklichen.
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Diese Entfremdung bezieht sich somit auf Gott, die Mitmenschen und die eigene Person
Die Bildelemente, die zunächst zu beschreiben sind, werden vor der zuvor ausgeführten Darstellung von Fragmentarität und Sünde interpretiert. Es ist eine Beschreibung des Werbemotivs (M3) gefordert, die typographische Gestaltung, Bildaufteilung, Vorder- und Hintergrund, Gestik der dargestellten Person o. Ä. berücksichtigt. Aspekte wie die folgenden sind denkbar:
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linke Bildrandmitte: treppenförmig angeordnet in fetter Serifen-Schrift je ein Wort des Titels des beworbenen Theaterstücks; die letzten beiden Buchstaben fallen aus der Ordnung heraus, sind jeweils etwas tiefer in zunehmender Schrägneigung platziert.
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Name des Autors in kleinerem Schriftzug darüber; Zeitpunkt der Veranstaltung mittig darunter; Ort, Vorverkauf, Eintrittspreis in kleineren Lettern unten linksbündig; Veranstalter typographisch abgesetzt in der linken unteren Ecke; sämtliche Schriftzüge schwarz.
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Dominantes Bildmotiv ist ein unbekleideter Mann in Seitenperspektive vor tiefrotem Hintergrund; Verwendung eines Rotfilters beim Fotografieren als Schwarz-Weiß-Fotografie; Lichtfällt von oben auf den sportlichen Körper, lässt Oberarme und Schultern glänzen.
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Mann in einer Schrittstellung, das linke Bein angewinkelt, als wolle er auf eine imaginäre kniehohe Stufe steigen; Arme an den Ohren angelegt über den Kopf ausgestreckt; Oberkörper weit nach vorne gebeugt, so dass Hände und Fußspitze des linken Fußes auf einer Senkrechten liegen; an ein Filmband erinnerndes Band um Hände und linken Fuß, aber auch über sein Gesäß geschlungen.
Eine Interpretation kann Aspekte wie die folgenden beinhalten:
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Der Mann, gleichzeitig Marionette und Marionettenspieler, kann in seiner gekrümmten, verkrümmten Haltung als homo incurvatus gedeutet werden, der versucht, sich auf die Stufe Gottes zu erheben. Auch die tiefrote Hintergrundfarbe verweist über die plakative Signalwirkung hinaus auf einen „sündhaften“ Zusammenhang.
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Der Mann ist ausschließlich mit sich beschäftigt, er blickt zu Boden und dies kann als Beziehungsabbruch zu Gott und als Bruch mit seinen Mitmenschen interpretiert werden. Eine konkrete Tat ist nicht auszumachen, eher kämpft der Mann gegen die universelle Macht der Sünde an und kommt aus eigener Anstrengung aus der Verstrickung der Sünde nicht heraus.
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Der entfremdete Mensch beraubt sich – durch fesselnde Bänder und gesenktem Blick dargestellt – selbst seiner Freiheit und der Möglichkeiten, die eigentlich seinem Wesen und seiner Möglichkeit zu aufrechtem Gang entsprächen. Selbst die Fesseln, die er scheinbar schon durchschritten hat, haften noch an seinem Körper, beeinflussen also sein Leben, verhindern Fortschritt.
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Die Fragmentarität seines Leben – dargestellt als Eingebundenheit in die materielle Welt durch das einengende Band – äußert sich darin, dass er aus eigener Kraft sein Leben nicht frei entfalten kann und der Fortschritt unter seinen Füßen – dargestellt durch die beiden aus dem Schriftzug herausbröckelnden „t“-Lettern – zerbricht.
Der Operator Darstellen liegt im Anforderungsbereich I; der Operator Interpretieren im Anforderungsbereich III. Zunächst ist das Plakat zu beschreiben. Die Teilaufgabe bezieht sich auf Lernbereich 12.2 Der imperfekte Mensch; bei der Deutung der Materialien ist zu beachten, dass hier eine Perspektive vorgegeben ist: „Aspekte der Fragmentarität menschlichen Lebens und ein christliches Verständnis von Sünde“.
Als religionskritische Position eignet sich für die Bearbeitung dieser Aufgabe u. a. der verpflichtend zu erarbeitende Ansatz L. Feuerbachs. Aspekte wie die folgenden werden erwartet:
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L. Feuerbach postuliert, dass Religion nichts anderes als das Verhalten des Menschen zu sich selbst ist. Aufgrund seines Wissens um Begrenztheiten und die damit verbundene Ohnmacht, wünscht sich der Mensch das Gegenteil: Vollkommenheit und Glückseligkeit. Da er das nicht selbst erreichen kann, stellt er sich ein Wesen gegenüber, das all das Positive ist, was der Mensch nicht ist. Der Mensch überhöht seine positiven Eigenschaften und schreibt sie Gott zu, dem Menschen alle negativen.
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Damit projiziert der Mensch sein Selbstbewusstsein nach außen und versteht den allmächtigen Gott als real existierendes, absolutes und vollkommenes Wesen, das in Wirklichkeit aber nichts anderes als das menschliche Wesen ist, was der Mensch aber nicht durchschaut. Religion führt zu der bzw. ist somit die Entzweiung des Menschen mit sich selbst.
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Infolgedessen stellt die Liebe zur Projektion (Gott) lediglich eine abgeleitete Liebe zum Menschen dar und keine unmittelbare. Feuerbach postuliert, dass die Liebe zum Menschen zur ursprünglichen (also Liebe dem Menschen gegenüber) werden muss: Theologie muss Anthropologie werden. Der Mensch muss für den Menschen das höchste Wesen sein: Homo homini deus est.
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Deshalb fordert Feuerbach die Auflösung der Projektion und den Einsatz für eine humanere Gesellschaft im Diesseits.
Bezüge zu Material M 1-3 wie die folgenden sind möglich:
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Gemeinsam ist den Positionen die Beobachtung, dass sich Menschen angesichts gesellschaftlicher Umstände als defizitär erleben (M 2, Z. 16).
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Auch Brechts Gedicht beschreibt Projektionen. Ausgehend von der subjektiven Wahrnehmung toter Eisenmasse werden Eigenschaften und Vorstellungen auf ein ansprechbares handlungsfähiges Wesen projiziert (M 2, Z. 30-40), dem zugetraut wird, Menschen vom Übel zu erlösen (M 2, Z. 48).
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Bei M 3 wie bei Feuerbach werden die Menschen an ihrer Selbstwerdung gehindert; bei M 3 ist das Hindernis der Fortschritt und der Mensch selbst, wobei das größere Ziel, das der Mann auf dem Plakat mit seinem Befreiungsversuch verfolgt, nicht deutlich wird; bei Feuerbach hindert explizit die Religion den Menschen daran, dass unmittelbare Liebe zwischen den Menschen herrscht.
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M 1, M 2 wie auch Feuerbach haben ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum christlichen Gottesbild und setzen sich davon bewusst ab: Soler (M 1) , indem Freund 1 anspielend auf Elemente auch der christlichen Religion eine eigene ersinnt und gründet; Brecht, indem er die Anbetung eines Öltanks (evtl. als Verweis auf den Tanz um das goldene Kalb) inszeniert.
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Feuerbachs als menschliche Projektion gedachter Gott wie auch der Öltank in M 2 sind Götzen.
Der Operator Entfalten liegt im Anforderungsbereich II. Wichtig ist eine zusammenhängende, nachvollziehbare Ausführung unter Einbezug von M 1-3, auch wenn die obige Darstellung beide Aspekte aus Gründen der Übersichtlichkeit trennt. Die Teilaufgabe ist im Lernbereich 12.1 Woran dein Herz hängt – Sinnfrage und Gottesfrage verankert. Der Ansatz Feuerbachs ist verpflichtend, freilich kann bei der Bearbeitung der Teilaufgabe stattdessen je nach Unterricht auch eine der fakultativen weiteren Positionen, etwa von Marx oder Freud, dargestellt werden.
Theologen wie Luther, Schleiermacher und Tillich stellen die Frage nach Gott als existentielle Frage und eignen sich für die anschließende Beurteilung von Material 1-3. Aspekte wie die folgenden können bei den ausgewählten Positionen ausgeführt werden:
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Luther:
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Luther ging es bei seiner Auslegung des 1. Gebots nicht um eine Theorie des Monotheismus, des Glaubens an die Existenz eines einzigen Gottes, vielmehr darum, dass Gott das sei, „[w]oran du dein Herz hängst“. Allein das „Trauen und Glauben des Herzens“ macht Gott zu Gott.
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Gottesglaube wird gleichermaßen als Vertrauen auf – wie als Glaubensinhalt verstanden: Gott als Höchstes, dem Menschen Förderliches, der dem Menschen in seinem Bewusstsein der Angewiesenheit und der Unverfügbarkeit menschlicher Existenz hilft.
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Mangelndes Vertrauen in die gottgegebene Existenz führt zum Vertrauen auf einen „Abgott“; die Gläubigen sollen daher nicht auf eigenes Vermögen, auf Materielles, Greifbares, sondern Gott in seiner Unverfügbarkeit und Undarstellbarkeit vertrauen und nur ihn verehren.
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Schleiermacher:
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Schleiermacher geht in seiner Glaubenslehre vom religiösen Gefühl/Bewusstsein als Ausgangspunkt aller Aussagen über Gott aus. Frömmigkeit äußert sich darin, dass „wir uns unserer selbst als schlechthin abhängig, oder, was dasselbe sagen will, als in Beziehung mit Gott bewusst sind.“
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Das „Woher unseres empfänglichen und selbsttätigen Daseins“ bezeichnet Schleiermacher als Gott. Die im religiösen Gefühl erfahrene schlechthinnige Abhängigkeit, die Schleiermacher auch als schlechthinnige Empfänglichkeit bezeichnet, ist transzendental grundgelegt.
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Tillich:
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Tillich beschreibt in der Systematischen Theologie Gott als die „Antwort auf die Frage, die in der Endlichkeit des Menschen liegt, er ist der Name für das, was den Menschen unbedingt angeht“.
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Das, „was einen Menschen unbedingt angeht, wird für ihn zum Gott (oder Götzen)“, der Mensch kann diesem in jedem Lebensgebiet begegnen, Gotteserfahrung ist somit überall möglich.
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Da das, was uns unbedingt angeht, „alles, was uns vorläufig und konkret angeht, transzendieren“ muss, gibt es eine klare Unterscheidung zwischen Gott und Götze.
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Gott ist eine unmittelbare, an nichts gebundene Wirklichkeit, die das Leben bestimmen will, bestimmen soll und tatsächlich bestimmt. Das, was den Menschen unbedingt angeht, entzieht sich Kategorien wie Subjektivität und Objektivität, denn es ist letzte wahre Wirklichkeit.
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Da Gott als „das, was uns unbedingt angeht" der unerschöpfliche Grund alles Seins ist, kann der Mensch nur existentiell und nicht unbeteiligt von Gott reden.
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Da alles Irdische („Bedingte") auch einen unbedingten Anspruch stellen kann, können diese Anliegen zu einem Götzen („Dämon") werden. Dem gegenüber ist Gott das „Sein-Selbst".
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Die Relevanz der dargestellten Ansätze ist im Blick auf Sinnstiftung für die in M 1-3 thematisierten Sinnfragen zu beurteilen. Dies soll in einer differenzierten Positionierung münden. Aspekte wie die folgenden können angeführt werden:
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In M1 wird die Frage nach dem Sinn des Lebens explizit gestellt und in einen Kontext mit Zufriedenheit am Arbeitsplatz gestellt (vgl. M1, Z. 37-46). In M2 wird in ironischer Brechung die Sinnsuche in Technik-, Vernunft-, und Wissenschaftsgläubigkeit kritisiert (vgl. M2, Z. 48-50). In M3 wird die Frage nach Freiheit und Gebundenheit des Menschen im Kontext von Fortschritt gestellt.
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Bei M 1-3 kann die Beurteilung etwa auf Schleiermachers Beschreibung von Gott als schlechthinnige Abhängigkeit/Empfänglichkeit oder Luthers „Woran du dein Herz hängst“ wie auch auf Tillichs „was uns unmittelbar angeht“ zurückgreifen.
Der Operator Wiedergeben liegt im Anforderungsbereich I, das anschließende Beurteilen im Anforderungsbereich III. Maßstab für die Beurteilung ist die Relevanz der wiedergegebenen Positionen für die in Material 1-3 erkennbaren Sinnfragen.