II Durst nach mehr
„Man kann aber Durst nach mehr wecken, nach etwas, das noch nicht manifestiert ist, das der Durst gleichsam erst antizipiert …“ (M 1, Z. 1f.)
Fasse den Text M 1 in seinen Grundgedanken zusammen und zeige dabei auf, was mit dem „Durst nach mehr“ (M 1, Z. 1) gemeint ist!
Skizziere das Vorgehen der historisch-kritischen Exegese und erläutere unter Berücksichtigung von Beispielen aus M 1, inwiefern diese dabei hilft, den „Durst nach mehr“ in der Bibel zu entdecken!
„,Kehle‘ gehört zentral zur israelitischen Anthropologie. Kehle (hebr. nefesch) war im alten Orient der Ort des Menschlichen, wo sich ein Mensch ganz (...) äußert, hörbar macht. Die Kehle verbindet den Menschen mit dem, was er/sie braucht, mit der Welt. Die Welt umfasst das Materielle und das Seelische.“ (M 1, Z. 15-18)
Entfalte ausgehend vom obigen Zitat (M 1, Z. 15-18) und von weiteren biblischen Quellen die Grundlagen des biblisch-christlichen Menschenbildes und erläutere dessen Besonderheit!
Arbeite aus M 2 heraus, was der Mensch zu einem menschenwürdigen Leben braucht, und setze dein Ergebnis in Beziehung zu M 1!
Bewerte die UN-Nachhaltigkeitsziele (M 2) aus der Sicht der katholischen Soziallehre!
„Die Bibel redet unermüdlich davon, dass eine andere Welt möglich ist – und wie sie herbeigesehnt werden kann, wie wir daran mitarbeiten können, wie diese Welt jenseits von Gewalt und Hunger vor unseren Augen wachsen kann.“ (M 1, Z. 54-56)
Stelle knapp die Reich-Gottes-Botschaft dar und belege an dieser die Aussagen des obigen Zitates! (M 1, Z. 54-56)
Interpretiere M 3a vor dem Hintergrund des obigen Zitates (M 1, Z. 54-56)! Beziehe in deine Überlegungen M 1, M 2 und M 3b mit ein!
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Luzia Sutter Rehmann ist eine evangelische Schweizer Theologin, sie lehrt Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und übersetzte das Lukasevangelium für die „Bibel in gerechter Sprache“. Der folgende Auszug stammt aus ihrem Buch „WUT im Bauch. Hunger im Neuen Testament“, in dem sie sich mit der Frage auseinandersetzt, unter welchen Annahmen biblische Texte gelesen werden, um die sehr alten Schriften zu verstehen.
Quelle: Luzia Sutter Rehmann: WUT im Bauch. Hunger im Neuen Testament, München, Gütersloher Verlagsgruppe: Gütersloh, 22016, S. 296 – 305.
M 2: Die UN-Nachhaltigkeitsziele
Mit der im Jahr 2015 verabschiedeten Agenda 2030 hat sich die Weltgemeinschaft unter dem Dach der Vereinten Nationen zu 17 globalen Zielen für eine bessere Zukunft verpflichtet. Leitbild der Agenda 2030 ist es, weltweit ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen und gleichzeitig die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft zu bewahren. Dies umfasst ökonomische, ökologische und soziale Aspekte. Dabei unterstreicht die Agenda 2030 die gemeinsame Verantwortung aller Akteure: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft – und jedes einzelnen Menschen.
Quelle: © Die Bundesregierung
M 3a: „Picnic across the Border“
Das Foto zeigt eine Installation des französischen Fotografen und Straßenkünstlers JR am Grenzzaun bei Tecate zwischen Mexiko (links des Zaunes) und den USA (rechts des Zaunes).
Quelle: JR
M 3b: Der Engel auf der anderen Seite
Ausstellungstext zur Installation (M 3a).
Quelle: JR: Mayra, Picnic across the Border, Tecate, Mexiko/USA, 2017, in: Kunsthalle München (Hrsg.): JR Chronicles, 2022, S. 163.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Folgende Kernaussagen können z. B. angeführt werden:
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„Durst nach mehr“ steht hier z. B. für das Verlangen nach etwas, das es noch nicht gibt.
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Dieser „Durst nach mehr“ soll nicht einseitig als geistige Sehnsucht verstanden werden, denn biblisch gesehen ist der geistige Durst immer eng mit dem materiellen verbunden.
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Für die israelitische Anthropologie ist die Kehle der Ort, an dem diese beiden Formen des Durstes zusammenkommen und ihren Ausdruck finden.
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Materieller Hunger und Durst sind menschliche Erfahrungen, die sich in der Bibel an vielen Stellen des AT und NT niedergeschlagen haben. Wie Ps 41,2 denkt z. B. auch Paulus materiellen sowie geistigen Hunger und Durst zusammen. Denn nur wer lebt, kann Gott loben.
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Vor dem sozialen Hintergrund seiner Zeit hat seine Rede von Auferstehung auch eine politische Dimension, nämlich die Auferstehung der Lebenden aus ihren elenden Verhältnissen.
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Es geht darum, die Lebensmöglichkeiten einzufordern, die allen Menschen zustehen, nicht nur den Reichen.
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Damit hat auch die biblische Rede von der Möglichkeit einer besseren, einer gerechten und friedlichen Welt eine politische Dimension.
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Beim „Durst nach mehr“ geht es also auch um die Sehnsucht nach der Veränderung der Verhältnisse im Jetzt.
Dass dieser Durst tatsächlich gestillt werden kann und dass wir daran mitarbeiten können, ist ein durchgängiges Thema der Bibel.
Für die historisch-kritische Exegese könnten folgende Aspekte ausgeführt werden:
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die Bibel als Gotteswort in Menschenwort und die sich daraus ergebenden Folgen für die Auslegungsmöglichkeiten
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die historisch-kritische Exegese als wissenschaftliche Auslegungsvariante im Unterschied zu existentiellen Zugängen und biblischem Fundamentalismus
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Grundprinzipien der historisch-kritischen Bibelexegese (z. B. Erläuterung der Genese der Texte, distanzierte wissenschaftliche Betrachtung)
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Nennung, evtl. auch Wiedergabe, einzelner Schritte der historisch-kritischen Methode, z. B. Textanalyse, um deren wissenschaftliches Vorgehen zu veranschaulichen
Folgende Beispiele aus M 1 können dafür angeführt werden, dass die historisch-kritische Exegese dabei hilft, den „Durst nach mehr“ in der Bibel zu entdecken:
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M 1 arbeitet u. a. mit Belegen zum Wortfeld „Durst“ aus früheren Textvarianten, wie z. B. der Septuaginta. Hierbei hebt M 1 die Häufigkeit der Verwendung von Ausdrücken aus diesem Wortfeld hervor und klärt die Bedeutung von verwendeten Begriffen in der Ursprungssprache, hier z. B. „nefesch“, hebräisch für „Kehle“.
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M 1 argumentiert mit dem geschichtlichen Kontext der Korintherbriefe und zieht daraus Rückschlüsse auf die Aussageabsicht des Paulus.
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Folglich bezieht sich die Argumentation von M 1 auf die wissenschaftliche, d. h. auf objektive Kriterien gestützte Analyse alter Texte, auf die Erforschung von deren historischer Tragweite sowie ihres Entstehungsprozesses.
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Auf diese Weise eröffnet M 1 den heutigen Leserinnen und Lesern, die den materiellen Durst nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen, die Möglichkeit den „Durst nach mehr“ in seiner ursprünglichen ganzheitlichen Bedeutung zu entdecken.
Folgende Aspekte des biblisch-christlichen Menschenbildes können ausgeführt werden:
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der Mensch als Person (Individualität, Sozialität, Reflexivität)
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biblische Grundlagen (v. a. aus Gen 1-3): Verwobenheit von Personalität (Geschlechtlichkeit, Freiheit, Verantwortung), Sozialität (Verhältnis zu den Mitgeschöpfen), Transzendentalität (Gottebenbildlichkeit, Endlichkeit, Erlösungsbedürftigkeit)
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weitere Aspekte aus dem AT (z. B. Weish 8,5-7, Ps 16) und dem NT (z. B. Mt 4, 1-11, Röm 6, 6-11)
Folgende Zusammenhänge zwischen M 2 und M 1 sind beispielsweise zu erwarten:
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Die UN-Nachhaltigkeitsziele sollen die gegenwärtigen Verhältnisse verändern, die Ressourcen gerechter verteilen und für kommende Generationen erhalten.
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Dazu ist es notwendig, gegenwärtige Missstände zu adressieren und zu bekämpfen; diese Missstände sind offensichtlich: Armut, Hunger, Krankheit, fehlende Bildung, Benachteiligung mancher Geschlechter, fehlende Sanitäreinrichtungen, teure Energie, Ausbeutung, fehlende Infrastruktur, Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung, Klimakrise, Kriege, schwache Institutionen und fehlende Kooperation.
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Gerade die Forderung nach Zugang zu sauberem Wasser für alle Menschen greift den biblischen Text auf, der den fürchterlichen, quälenden Durst nach Wasser kennt.
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Armut, Hunger, Krankheit, Benachteiligung, Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Gewalt kennen auch Paulus und seine Gemeindemitglieder in Korinth.
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Paulus ruft deshalb wie die UN zur Veränderung der Verhältnisse auf und hält wie diese daran fest, dass dies gemeinsam gelingen kann.
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Denn auch für ihn haben die Armen das gleiche Lebensrecht wie die Reichen.
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Paulus dehnt den religiösen Begriff der „Auferstehung“ auch auf den Prozess der politischen Veränderung aus.
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Die UN begründet ihre Nachhaltigkeitsziele dagegen nicht religiös und setzt – anders als Paulus – deutliche ökologische Akzente.
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Sowohl der UN als auch Paulus geht es aber für die Zukunft um eine bessere Welt, in der alle ein menschenwürdiges Leben führen können. Für beide beginnt dieser Prozess in der Gegenwart.
Es bietet sich an, zunächst die Grundzüge der Katholischen Soziallehre z. B. anhand ihrer fünf Prinzipien (Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl, Nachhaltigkeit bzw. Retinität) darzustellen und diese dann mit den Nachhaltigkeitszielen der UN differenziert zu vergleichen, z. B. wie folgt:
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Sowohl die katholische Soziallehre als auch die UN sind dem Erreichen von gerechten, nachhaltigen und menschenwürdigen Lebensbedingungen für alle Menschen verpflichtet.
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Basis aller Sozialprinzipien ist das Personalitätsprinzip. Dieses geht von der Würde des Menschen als Gottes Abbild und dem Recht auf Entfaltung der individuellen Anlagen aus. Es beschreibt den Menschen als Wesen mit Vernunft, freiem Willen und Gewissen. Als Individuum ist der Mensch einzigartig. Seine Persönlichkeit kann er jedoch nur in Begegnung mit anderen Menschen entfalten; er ist Individuum und Sozialwesen zugleich.
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Die absolute und voraussetzungslose Würde aller Menschen setzen auch die UN-Nachhaltigkeitsziele voraus.
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Besonders deutlich wird das in den Zielen 5 (Geschlechtergleichheit) und 10 (weniger Ungleichheiten).
In ähnlicher Weise können auch die anderen Sozialprinzipien genannt, beschrieben und zu den UN-Nachhaltigkeitszielen in Beziehung gesetzt werden.
Die im Zitat gegebenen und damit zu belegenden Aussagen sind:
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Das große Thema der Bibel handelt von der Möglichkeit einer besseren Welt, jenseits von Gewalt und Hunger.
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Die Bibel zeigt, wie diese Welt in der Gegenwart wachsen kann, d. h. wie wir handeln sollen, damit sie Wirklichkeit wird.
Folgende Aspekte der Reich-Gottes-Botschaft sind unter anderem zu erwarten:
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Gegenwart der Gottesherrschaft als bedingungslose Heilstat Gottes; erfahrbar in Person und Botschaft Jesu Christi (z. B. Heilungen)
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Spannung zwischen diesem Anbruch („schon da“) und der Vollendung der Gottesherrschaft („noch nicht“) (vgl. Saatgleichnisse)
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Aufforderung an den Menschen, am Kommen des Gottesreiches mitzuwirken, im Wissen, dass nur Gott es vollenden kann.
Wichtige Hinweise zur Deutung sind besonders im Einleitungstext von M 3a als auch in M 3b enthalten. Folgende Überlegungen könnten beispielsweise näher ausgeführt werden:
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Die Augen der Dreamerin Mayra blicken die Betrachtenden an und holen sie an den gemeinsamen „Tisch“, um den „Traum“ von einer besseren Welt jenseits von Gewalt und Hunger nicht nur für Mayra, sondern für alle wahr werden zu lassen (vgl. auch M 1).
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Die Installation zeigt, was dazu notwendig ist, nämlich das Überwinden von Grenzen, wie hier zwischen den USA und Mexiko (vgl. M 3a), und von Vorurteilen (z. B. gegenüber den Wächtern), aber auch Teilen (hier von Essen und Wasser, vgl. M 3b; sauberes Wasser uns sanitäre Einrichtungen, vgl. M 2), Ideen und Mut (z. B. JR, die Wächter, vgl. M 3b) und Kommunikation (Partnerschaften zur Erreichung der Ziele, vgl. M 2), wie hier zwischen JR, Mayra und dem Grenzwächter (vgl. 3b).
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Mit dem gemeinsamen Tisch, dem Essen und der Musik gibt M 3a auch einen Ausblick auf das, was möglich ist: Durch die Installation ist anfanghaft wahr, was erträumt wird: Grenzen werden überwunden, Menschen sitzen an einem Tisch und teilen, die Beteiligten begegnen sich als Menschen und kommen miteinander ins Gespräch. Allerdings steht die Vollendung – Aufhebung aller Grenzen – noch aus.
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Die Augen der Dreamerin blicken die Betrachtenden an und fordern dazu auf, an der Verwirklichung dieses Traums mitzuwirken, den Tisch zu decken und gemeinsam Mahl zu halten.