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Philipp kämpft seit vielen Jahren dafür, dass die Nacht wieder zur Nacht wird. An klaren
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Sommerabenden ruft der Physiker und autodidaktische Astronom Interessierte in die Chiemgauer
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Alpen und zeigt ihnen, was sie sonst nur selten sehen dürften: die Milchstraße. Denn mehr als ein
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Drittel der Menschheit sieht die Milchstraße nicht, von ihnen 60 Prozent Europäer, hat ein
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internationales Forscherteam ermittelt.
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Die Welt werde jedes Jahr um zwei Prozent heller, sagt Philipp, Europa um fünf Prozent. In Bayern
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nahm die Lichtverschmutzung zwischen 2012 und 2016 sogar jährlich um knapp zehn Prozent, in
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Schleswig-Holstein um knapp neun Prozent zu, wie eine Studie des Deutschen
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Geoforschungszentrums ergeben hat. „Man geht davon aus, dass etwa ein Drittel des gesamten
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Lichtes, das wir Menschen abstrahlen, fehlgelenkt oder zu hell ist“, sagt Philipp, der mit seiner
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gemeinnützigen Organisation Paten der Nacht die Lichtverschmutzung einzudämmen versucht.
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Dabei geht es Philipp und seinen Mitstreitern nicht nur um einen schönen Sternenhimmel.
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„Tagaktive Lebewesen schlafen schlechter, nachtaktive Lebewesen werden in ihrem Tun gestört
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und Pflanzen leiden“, fasst er die Schäden durch zu viel nächtliche Helligkeit zusammen.
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Vor allem Tiere werden gestört. „Die Erhellung des Nachthimmels durch künstliches Licht geht oft
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weit über die Stadtgrenzen hinaus und betrifft daher nicht nur Arten, die direkt in urbanen Gebieten
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leben“, sagt Katharina Mahr, Biologin an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, die sich mit
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dem Einfluss von Licht auf das Verhalten von Tieren beschäftigt. „Viele Wildtiere, die auf natürliche
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Lichtquellen wie den Mond oder die Sterne als Orientierungspunkt angewiesen sind, werden durch
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die Präsenz von künstlichen nächtlichen Lichtquellen irritiert oder angelockt. Dies kann massive
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Konsequenzen mit sich ziehen.“ Dazu gehörten etwa Meeresschildkröten, die nicht mehr an den
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Ort zurückfinden, an dem sie ihre Eier abgelegt haben. Und ihre geschlüpften Jungen, die statt ins
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Meer ins Landesinnere krabbeln. […]
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Nicht zuletzt leiden auch Pflanzen, sagt Philipp. „Wenn Bäume nah an Lichtquellen stehen, werfen
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die ihr Laub nicht ab, weil sie denken, es sei immer noch Sommer.“ Dadurch speicherten sie in
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ihren Ästen zu viel Wasser, und wenn der Frost kommt, sterben die Äste ab.
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Falter, Vögel, ein paar Äste – das mag vernachlässigbar klingen, wenn man bedenkt, was die
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künstliche Beleuchtung, zunächst in Form der Gaslampe, dann als elektrische Glühlampe der
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Menschheit gebracht hat: die Industrialisierung, erhellte Städte, ein Leben und Arbeiten
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unabhängig von der Sonne. Bis heute gilt mehr Licht weithin als Fortschritt, als Symbol des Guten.
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Ob mehr Beleuchtung automatisch auch mehr Sicherheit bedeutet, lässt sich aber nicht
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zweifelsfrei sagen. Insgesamt geht die Kriminalität in Deutschland seit Jahren zurück, das
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Unsicherheitsgefühl bei Nacht aber steigt, wie verschiedene Befragungen gezeigt haben. […]
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Zumindest für Berlin lässt sich sagen, dass es bei dunklerer Straßenbeleuchtung in den Jahren
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2006 bis 2008 nicht zu mehr Verkehrsunfällen kam, wie die Berliner Forschungs- und
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Planungsgruppe Stadt und Verkehr (FGS) festgestellt hat. Das Fazit des Autorenteams: „Dunkle
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Orte weisen nicht mehr Zwischenfälle auf als hell beleuchtete, obwohl das Gefühl etwas anderes
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Für Lichtverschmutzungsgegner Manuel Philipp ist klar: „Wir müssen von der Intensität, die wir da
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auf die Straße leuchten, runterkommen.“ Etwa, indem man Straßenlaternen und Fassadenstrahler
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so montiert, dass sie gezielt nach unten leuchten, indem man warmes statt kaltweißes Licht
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installiert und die Lampen ab 22 Uhr abschaltet oder dimmt. Ein Vollmond erhelle die Straßen mit
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bis zu 0,2 Lux Beleuchtungsstärke, Wohnstraßen würden mit zehn bis 15 Lux beleuchtet. „Das
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heißt, wir ballern die 50, 60, 80-fache Vollmondhelligkeit auf die Wohnstraßen. Kein Mensch
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Im Bundesnaturschutzgesetz […] soll künftig vorgeschrieben sein, dass Licht nicht
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insektengefährdend sein darf. „Das sollte aber noch mit Angaben zu Lichtfarbe oder Helligkeit
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ergänzt werden. Da sind wir alle gespannt.“
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Bis es so weit ist, rufen Philipp und die Paten der Nacht mit der „Earth Night“ Menschen weltweit
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dazu auf, in einer Nacht im September freiwillig alle Lichter zu löschen. Und beim Projekt „22 Uhr“
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sammeln sie Zusagen von Unternehmen, aus freien Stücken jede Nacht ihre Werbebeleuchtung
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auszuschalten. Ein paar Hundert Firmen hätten schon Bereitschaft geäußert.