I
Auf dem Weg zu gesellschaftlicher und politischer Partizipation vom 19. Jahrhundert bis zur Weimarer Republik
Prüfungsteil A
Zeige wesentliche wirtschaftliche, soziale und politische Voraussetzungen der Revolution in Deutschland 1848/49 auf!
Anlässlich des Weltfrauentags, der jährlich am 8. März begangen wird, widmet sich die Schülerzeitung deines Gymnasiums dem Themenschwerpunkt „m/w/d – Geschlechter und ihre Rollen“. Dir fällt die Aufgabe zu, einen Artikel zur Situation von Frauen in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs zu verfassen. Bei der Recherche stößt du auf die Fotografie M 1 und die Statistik M 2.
Charakterisiere zunächst in deinem Artikel unter Einbezug der Fotografie M 1 und der Statistik M 2 die Rolle der Frau im Arbeitsleben in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs!
Beurteile anschließend in deinem Artikel, ausgehend von deinen Ergebnissen aus 2.1, inwieweit sich in der Situation von Frauen Aspekte gesellschaftlicher Modernisierung im Deutschen Kaiserreich zeigen!
Der deutsche Staatsrechtler, Politiker und Mitbegründer der DDP, Hugo Preuß, legte am 14. November 1918 seine Kritik an der Revolutionsregierung dar (M 3).
Arbeite aus dem Zeitungsartikel M 3 die Argumentation und Position von Hugo Preuß vor dem Hintergrund des Ringens um eine demokratische Ordnung heraus!
„Wenige Tage sind seit dem Sturz des alten Obrigkeitssystems in Deutschland erst verstrichen; […] und doch kann man schon immer zahlreichere Stimmen hören, aus denen etwas wie Heimweh nach dem alten Obrigkeitsstaat spricht“ (M 3, Z. 1–3).
Erörtere, inwieweit die Weimarer Reichsverfassung ein Gegenmodell zum Obrigkeitsstaat des Deutschen Kaiserreichs entwirft!
Prüfungsteil B
Bearbeite eine Halbjahresaufgabe entweder zu 12/2 oder 13/1 oder 13/2.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Fotografie eines Raumes in einem Berliner Wohngebäude (1911)
Die Aufnahme entstand im Rahmen einer Wohnungsuntersuchung, die die Berliner Ortskrankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute, Handelsleute und Apotheker (ab 1914 die Allgemeine Ortskrankenkasse, AOK) von 1901 bis 1920 bei ihren Patientinnen und Patienten durchführte.

Material 2: Ausgewählte Löhne in unterschiedlichen Städten des Deutschen Kaiserreichs um 1900
Die Frauenrechtlerinnen und Politikerinnen Gertrud Bäumer und Helene Lange veröffentlichten in ihrem „Handbuch der Frauenbewegung“ 1902 folgende Tabelle:
|
Gewerbe: |
Durchschnittlicher Wochenverdienst männl. M[ark] |
Durchschnittlicher Wochenverdienst weibl. M[ark] |
|---|---|---|
|
Berliner Papierwaren-Industrie |
20 |
10 |
|
Mannheimer Fabrikarbeiter |
18–21 |
8 |
|
Stuttgarter Industriearbeiter |
22,2 |
9,5 |
|
Buchdrucker |
28 |
10 |
|
Buchbinder |
22 |
10 |
|
Schreiner |
22 |
9 |
|
Textilarbeiter |
20 |
9 |
|
Schneider |
18 |
9 |
|
Maler, Lackierer |
21 |
11 |
|
Schuhmacher |
18 |
11 |
|
Tapezierer |
21 |
11 |
|
Taglöhner |
17 |
11 |
|
Tabakarbeiter |
14 |
8 |
|
Schlosser, Dreher |
21 |
8 |
|
Konditoren |
19 |
8 |
Zusammengestellt aus: Helene Lange/Gertrud Bäumer (Hg.): Handbuch der Frauenbewegung, 5 Teile (Berlin 1901-1906). 4. Teil: Die deutsche Frau im Beruf (Berlin 1902), Weinheim und Basel 1980, S. 179–185.
Material 3: Auszug aus einem Zeitungsartikel von Hugo Preuß über den Rat der Volksbeauftragten (14. November 1918)
Der Staatsrechtler Hugo Preuß (1860–1925) wurde einen Tag nach Erscheinen des Artikels zum Staatssekretär im Reichsamt des Innern berufen und mit dem Entwurf einer Verfassung für die Republik beauftragt.
Quelle: Hugo Preuß: Volksstaat oder verkehrter Obrigkeitsstaat?, in: Berliner Tageblatt, Nr. 583 vom 14. November 1918. Abrufbar unter https://www.weimarer-republik.net/jubilaeum/revolution-und-gruendung-derrepublik-tag-fuer-tag/nov-1918/hugo-preuss-wir-haben-die-wahl-demokratie-oder-bolschewismus/
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Hinweis: Die folgenden Lösungen wurden in Stichpunkten verfasst. Zur vollständigen Umsetzung der Aufgabenstellung wäre grundsätzlich eine zusammenhängende Darstellung in Fließtextform erforderlich. Darüber hinaus sind individuell unterschiedliche, fachlich begründete Lösungsansätze möglich.
Aufzeigen wesentlicher wirtschaftlicher, sozialer und politischer Voraussetzungen der Revolution in Deutschland 1848/49, v. a.:
-
wirtschaftliche Voraussetzungen:
-
trotz erhöhter Produktivität Nahrungsknappheit infolge starken Bevölkerungswachstums und Missernten bei gleichzeitigen Lohneinbußen aufgrund eines Überangebots an Arbeitskräften,
-
Teuerung von Getreide- und Lebensmittelpreisen,
-
schlechte Arbeitsbedingungen als Tagelöhner oder in Heimarbeit, aber auch in den sich gründenden Fabriken;
-
-
soziale Voraussetzungen:
-
Massenarmut (Pauperismus),
-
fehlende Schulbildung;
-
-
politische Voraussetzungen:
-
Februarrevolution in Frankreich,
-
fehlende Durchsetzung liberaler und nationaler Forderungen im Zuge der Restauration, z. B. Aufhebung der Feudallasten, Bildung eines einheitlichen Nationalstaates mit Verfassung und gesamtdeutschem Parlament, gleiches (Männer-)Wahlrecht und Versammlungs-, Vereins- und Pressefreiheit.
-
Anlässlich des Weltfrauentags, der jährlich am 8. März begangen wird, widmet sich die Schülerzeitung Ihres Gymnasiums dem Themenschwerpunkt „m/w/d – Geschlechter und ihre Rollen“. Dir fällt die Aufgabe zu, einen Artikel zur Situation von Frauen in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs zu verfassen. Bei der Recherche stößt du auf die Fotografie M 1 und die Statistik M 2.
Charakterisierung der Rolle der Frau im Arbeitsleben in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs unter Einbezug der Fotografie M 1 und der Statistik M 2, z. B.:
-
zunehmende Berufstätigkeit der Frau, hauptsächlich als ungelernte Industriearbeiterin oder Heimarbeiterin (vgl. M 1);
-
Übernahme von bislang eher männlich dominierten Berufen, etwa als Schreinerin oder Schlosserin (vgl. M 2);
-
enorme Lohnunterschiede im Vergleich zu Männern für gleiche oder ähnliche Tätigkeiten (vgl. M 2);
-
weiterhin Übernahme der Kinderbetreuung mit Doppelbelastung (vgl. M 1);
-
Unterstützung durch Kinder als zusätzliche Arbeitskräfte in Heimarbeit (vgl. M 1);
-
fortwährende Propagierung des Ideals der Hausfrauenehe v. a. in bürgerlichen Kreisen;
-
insgesamt Fortbestehen begrenzter Aufstiegsmöglichkeiten.
Beurteilung, inwieweit sich Aspekte der Modernisierung bereits im Kaiserreich zeigen, ausgehend von Ergebnissen aus 2.1.:
Aspekte, die Modernisierung zeigen, z. B.:
-
Infragestellung tradierter Geschlechterrollen durch Vordringen von Frauen in männlich dominierte Arbeits- und Berufsfelder;
-
Formierung und wachsende Bedeutung der Arbeiter- und Frauenbewegung, letztere unter Führung prominenter Frauenrechtlerinnen, die sich aktiv, auch publizistisch für die Rechte der Frau einsetzen (vgl. M 2);
-
Selbstorganisation von Arbeiterinnen und Arbeitern in Gewerkschaften und Parteien und damit einhergehende Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung und politischer Mitbestimmung;
-
Sozialgesetzgebung zur Bewältigung des Modernisierungsdrucks.
Aspekte, die keine Modernisierung zeigen, z. B.:
-
Fortbestehen traditioneller patriarchalischer Rollenmuster und Familienstrukturen in allen Bevölkerungsschichten;
-
gesellschaftliche und politische Dominanz konservativer, obrigkeitsstaatlicher Kräfte;
-
fortbestehende Lohnungerechtigkeiten (vgl. M 2);
-
kaum Bildungsmöglichkeiten sowie rechtliche Marginalisierung und fehlende politische Partizipationsmöglichkeiten für Frauen.
Der deutsche Staatsrechtler, Politiker und Mitbegründer der DDP, Hugo Preuß, legte am 14. November 1918 seine Kritik an der Revolutionsregierung dar (M 3).
Herausarbeiten der Argumentation und Position von Hugo Preuß aus M 3 vor dem Hintergrund des Ringens um eine demokratische Ordnung:
-
Warnung vor zunehmender Sehnsucht nach „dem alten Obrigkeitsstaat“ (Z. 3);
-
Kritik an mangelnder demokratischer Legitimation der sich auf „unfaßliche Volksgnade“ (Z. 11) berufenden Regierung;
-
Betonung der Notwendigkeit einer Einbeziehung des Bürgertums trotz seines Beitrags zur Erosion des politischen Systems des Kaiserreichs und seiner mangelnden Fähigkeit zum Systemwechsel aus eigener Kraft;
-
Gefahr der Errichtung eines auf politischer Unfreiheit und Terror basierenden Systems bei ausbleibender demokratischer Beteiligung aller Bevölkerungsschichten;
-
Risiko des wirtschaftlichen Niedergangs bei fortgesetztem Klassenkampf;
-
Akzentuierung der Bedeutung gleichberechtigter Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen bei der Schaffung einer neuen politischen Ordnung;
-
Forderung nach baldigem Abhalten von demokratischen Wahlen zur Konstitution einer verfassungsgebenden Nationalversammlung;
-
Preußʼ Position: Plädoyer für die Einführung einer parlamentarischen Demokratie anstelle einer sozialistischen Räterepublik.
Erörterung, inwieweit die Weimarer Reichsverfassung ein Gegenmodell zum Obrigkeitsstaat des Deutschen Kaiserreichs entwirft:
Aspekte, die die These stützen, z. B.:
-
Volkssouveränität, verfassungsgebende Nationalversammlung;
-
Gleichheit vor dem Gesetz, keine Standesrechte oder Privilegien;
-
Zulassung aller Deutschen zu öffentlichen Ämtern;
-
allgemeines Wahlrecht für Frauen und Männer;
-
plebiszitäre Elemente;
-
umfassender Grundrechtekatalog, etwa Versammlungs- und Meinungsfreiheit.
Aspekte, die die These relativieren, z. B.:
-
Macht des Reichspräsidenten als sog. „Ersatzkaiser“, etwa durch seine Wahl auf sieben Jahre, den Oberbefehl über das Militär, das Notverordnungsrecht mit Einschränkung der Grundrechte (Art. 48), die Möglichkeit der Auflösung des Reichstags (Art. 25) und die Ernennung und Entlassung der Reichsregierung;
-
Fehlen eines besonderen Schutzes für Grundrechte;
-
Reichswehr als politischer Machtfaktor und eigene Gewalt („Staat im Staate“).