I
Auf dem Weg zu gesellschaftlicher und politischer Partizipation vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Weimarer Republik
Prüfungsteil A
Erläutere die Bedeutung der Französischen Revolution für die Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft!
1848/49 kam es auch im Deutschen Bund zu einer Revolution.
Arbeite aus dem Artikel der „Oberrheinischen Zeitung“ vom 3. März 1848 (M 1) die sogenannten „Märzforderungen“ und das darin zum Ausdruck kommende Gedankengut der Aufklärung heraus.
In seinem 1985 erschienenen Werk zur deutschen Revolution von 1848/49 schrieb der Historiker Wolfram Siemann:
„Unter dem Gesichtspunkt der Bedeutung der Revolution von 1848/49 für die Gegenwart zählt nicht so sehr ihr Scheitern, sondern der von ihr ausgegangene und fortwirkende Impuls zur Modernisierung der deutschen Gesellschaft.“
Nimm Stellung zu diesem Zitat und beziehe dabei die Ergebnisse aus Aufgabe 2.1 sowie den Text „Revolution von 1848. Scheitern eines Traums“ des Historikers Günter Wollstein (M 2) ein!
An der Schule findet die Wissenschaftswoche zum Thema „Moderne“ statt. Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der Geschichte der Moderne. Verfasse einen Informationstext, in dem zunächst mit Hilfe von M 3 und M 4 ambivalente Reaktionen auf Modernisierungsprozesse im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik dargestellt werden! Diskutiere anschließend am Beispiel eines der beiden Materialien, inwieweit sich darin eine Modernisierungstheorie widerspiegelt!
Prüfungsteil B
Bearbeite eine Halbjahresaufgabe entweder zu 13/1 oder 13/2.
Material 1: Artikel aus der „Oberrheinischen Zeitung. Erstes censurfreies Blatt“ vom 3. März 1848
Quelle: Oberrheinische Zeitung, Nr. 63 vom 3. März 1848, S. 1
Material 2: „Revolution von 1848. Scheitern eines Traumes“, Artikel des Historikers Günter Wollstein in der Zeitschrift „Informationen zur politischen Bildung“ (2010)
Quelle: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/revolution-von-1848-265/9892/scheitern-eines-traumes/
(Stand: 1. August 2023)
Material 3: „Unfall in einer Maschinenfabrik“, Gemälde von Johann Bahr (1889)

Johann Bahr creator QS:P170,Q62849356, Johann Bahr Unfall in einer Maschinenfabrik 1889, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Material 4: Plakat zu Fritz Langs Film „Metropolis“ (1927)

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Hinweis: Die folgenden Lösungen wurden in Stichpunkten verfasst. Zur vollständigen Umsetzung der Aufgabenstellung wäre grundsätzlich eine zusammenhängende Darstellung in Fließtextform erforderlich. Darüber hinaus sind individuell unterschiedliche, fachlich begründete Lösungsansätze möglich.
Lösung 1
Erläuterung der Bedeutung der Französischen Revolution für die Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft, v. a.:
-
Überwindung der Ständegesellschaft, etwa durch die Erklärung des Dritten Standes zur Nationalversammlung oder durch die Abschaffung der Privilegien der ersten beiden Stände;
-
Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte gemäß des naturrechtlichen Prinzips angeborener und unveräußerlicher Grundrechte;
-
Durchsetzung von Möglichkeiten politischer Partizipation des Einzelnen im Verfassungsstaat, ersichtlich auch anhand der Gründung von Vereinen und Parteien;
-
Sicherung der bürgerlichen Rechte durch eine Verfassung;
-
Säkularisierung der Gesellschaft infolge der Säkularisation und damit einhergehender Autoritäts- und Besitzverlust der Kirche;
-
verstärkte soziale Mobilität im Zuge der Bauernbefreiung und Gewerbefreiheit;
-
Trennung von Staat und Gesellschaft.
Lösung 2
1848/49 kam es auch im Deutschen Bund zu einer Revolution.
Herausarbeiten der sogenannten „Märzforderungen“ und des darin zum Ausdruck kommenden Gedankenguts der Aufklärung aus dem Artikel der „Oberrheinischen Zeitung“ vom 3. März 1848 (M 1), v. a.:
-
Gedankengut der Aufklärung: Vorstellung vom Menschen als einem von Natur aus vernunftbegabten, seine Freiheitsrechte erkennenden und diese auch gegen Widerstand durchsetzenden Wesen, Notwendigkeit der grundlegenden Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse;
-
Märzforderungen:
-
politisch geeinter deutscher Nationalstaat,
-
Freiheitsrechte wie Pressefreiheit, Freiheit der Lehre, Gewissens- und Meinungsfreiheit, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit, Freiheit und Unabhängigkeit der Rechtsprechung,
-
Volksbewaffnung,
-
nationales Parlament,
-
Rechtsstaatlichkeit.
-
Stellungnahme zum Zitat unter Einbezug der Ergebnisse aus Aufgabe 2.1 sowie von M 2:
Aspekte, die die Bedeutung der Revolution für die Modernisierung der deutschen Gesellschaft stützen, z. B.:
-
fortwirkender politischer Einfluss von Parteien und Verbänden auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (vgl. M 2);
-
zwar Fortbestand der Monarchie, allerdings mit konstitutioneller Bindung: sukzessiver Auf- bzw. Ausbau eines Verfassungsstaates nach 1849 (vgl. M 2);
-
allgemeine, gleiche und geheime Wahl des mit Budget- und Gesetzesinitiativrecht ausgestatteten Reichstags im Deutschen Kaiserreich;
-
1919 und 1949 jeweils bewusstes Anknüpfen an zentrale Ideen und Forderungen von 1848/49 (vgl. Aufgabe 2.1), etwa bei der Verankerung von Grundrechten in den jeweiligen Verfassungen und damit Fortentwicklung einer Traditionslinie.
Aspekte, die die Bedeutung der Revolution für die Modernisierung der deutschen Gesellschaft relativieren, z. B.:
-
Scheitern der Revolution und daraus resultierende längerfristige Schwächung der revolutionären Kräfte bei gleichzeitigem Widererstarken der Monarchien nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa (vgl. auch M 2);
-
keine Verankerung von Grundrechten in der Verfassung des Deutschen Kaiserreichs;
-
Modernisierung der deutschen Gesellschaft nicht als linearer Prozess (vgl. Scheitern der Weimarer Republik und NS-Staat).
Trotz des Scheiterns der Revolution von 1848/49 wird deren Bedeutung für die Entwicklung eines demokratischen Verfassungsstaates in Deutschland herausgestellt.
Lösung 3
Darstellung ambivalenter Reaktionen auf Modernisierungsprozesse mithilfe von M 3 und M4, v. a.:
-
M 3: mediales Aufgreifen der veränderten Arbeitswelt in der Industrialisierung (Maschinisierung, Arbeitsteilung) mit besonderer Betonung der daraus resultierenden Unfallgefahr für den einzelnen Arbeiter, zugleich Aufwerfen der Frage nach der Versorgung der Arbeiterfamilie bei möglichem Verdienstausfall in der Zeit beginnender sozialstaatlicher Maßnahmen;
-
M 4: Veranschaulichung einer hochtechnisierten, modernen Metropole mit einem Maschinenmenschen im Zentrum, Ambivalenz zwischen Fortschrittsutopie (z. B. Strahlen im Hintergrund) und Furcht vor einer anonymisierten, unmenschlichen Welt (z. B. dunkle Farbgebung der fensterlosen Hochhäuser); Wahl des modernen Massenmediums Film zur Auseinandersetzung mit Zukunftsvisionen.
Diskussion, inwieweit sich in den Materialien eine Modernisierungstheorie widerspiegelt:
Aspekte der Theorie von Karl Marx in M 3, z. B:
-
einerseits Ausbeutung des Proletariats durch die Fabrikarbeit, Entstehung eines der Maschinisierung unterworfenen modernen Arbeiters;
-
andererseits keine Veranschaulichung des Klassenbewusstseins, kein Zeigen des revolutionären Potenzials des Proletariats.
Aspekte der Theorie von Karl Marx in M 4, z. B:
-
einerseits Zeigen der Selbstentfremdung des Menschen im Maschinenzeitalter;
-
andererseits keine Veranschaulichung des Klassengegensatzes von Proletariat und Bourgeoisie, Mensch als Objekt wirtschaftlicher und geschichtlicher Entwicklung, nicht als deren Subjekt.
Aspekte der Theorie von Max Weber in M 3, z. B:
-
einerseits rationale Organisation von Arbeit im Betrieb, Abhängigkeit des modernen Menschen von der mechanisierten, hochtechnisierten Wirtschaft, Druckerzeugnisse als Merkmale der modernen europäischen Kulturwelt;
-
andererseits keine Darstellung des Sinnverlusts durch die „Entzauberung der Welt“, kein Aufgreifen des modernen Gegensatzes von großindustriellem Unternehmertum und Arbeiterschaft.
Aspekte der Theorie von Max Weber in M 4, z. B:
-
einerseits Zeigen einer modernen, nüchternen, berechenbaren und „entzauberten“ Welt, hoher Grad an Spezialisierung im Medium Film infolge der modernen Rationalisierungs- und Fortschrittslogik;
-
andererseits Fehlen des Individuums als zentraler Akteur und Schöpfer von Ideen für eine moderne, fortschrittliche Entwicklung.
Die Diskussion eröffnet einen individuellen Argumentationsspielraum, sollte jedoch in einem differenzierten Fazit münden, in dem abgewogen wird, wie deutlich sich die jeweils untersuchte Modernisierungstheorie im gewählten Material widerspiegelt.